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[Dostojewski: Spieler, Dichter, Psychologe]
[Großstadtromane]
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[Musik zwischen zwei Buchdeckeln]
[Familien- und Generationenromane]
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[Die Liebe in der Literatur]
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[Romane über authentische Kriminalfälle]
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Schach in der Literatur

Wo sonst liegen Genie und Wahnsinn so nah beisammen, wie beim Schach? Wo sonst kann ein Autor eine Figur erfinden, sie mit hoher Intelligenz, großer Begabung und einer außergewöhnlichen Fähigkeit zu logischem Denken ausstatten und sie zugleich in den völligen Wahnsinn treiben. (Eine Ausnahme, die beweist, dass es auch ohne Schach geht: Pascal Mercier, Perlmanns Schweigen) In der Tat sind die bedeutendsten “Schachromane” solche, in denen mindestens einer der Beteiligten, wenn auch nur zeitweilig, die Bodenhaftung vollständig verliert - zur Freude der Leserschaft. In Stefan Zweigs 1941 im brasilianischen Exil entstandener Schachnovelle ist es ein gewisser Dr. B, der an der “Schachvergiftung” erkrankt. Dr. B. ist Häftling in einem österreichischen Gestapo-Gefängnis, denn die Nazis erhoffen sich von ihm Auskunft über den Verbleib des österreichischen Kirchenvermögens. Vor der psychischen Folter der Isolationshaft kann sich Dr. B. leidlich schützen, indem er in seiner Zelle Meisterpartien aus einem heimlich entwendeten Schachlehrbuch nachspielt. Doch ein anderer Effekt tritt ein: Dr. B. verfällt mehr und mehr dem Schach, spielt schließlich sogar in schizophrener Weise gegen sich selbst. Dem Wahnsinn nahe ist er für die Nazis somit unbrauchbar geworden und wird entlassen. Auf einer Schiffsreise von New York nach Buenos Aires kommt es dann zur schicksalhaften Begegnung mit dem elitär arroganten Schachweltmeister Mirko Czentovic. Auch im Mittelpunkt des wohl bedeutendsten Schachromans, Lushins Verteidigung von Vladimir Nabokov, steht einer, der sich heillos im “Schachgestrübb” verheddert hat:. Alexander Iwanowitsch Lushin, als Kind ein Außenseiter, lustlos, phlegmatisch, dann Schach als Obsession, große Begabung, Erfolge auf europäischer Bühne, Nervenzusammenbruch, Heirat und Abkehr vom Schach. Doch der Dämon in ihm lässt sich nicht bezwingen. Längst ist Lushins Leben selbst zu einer Schachpartie geworden. Zum Schluß fällt er, der König - aus dem Fenster seiner Wohnung. Der spanische Autor Fernando Arrabal lässt in seinem bizarren Roman Hohe Türme schlägt der Blitz zwei Schachgenies um die Weltmeisterkrone kämpfen. Dabei treffen zwei sehr unterschiedlichere Charaktere aufeinander: der hochbegabte, intuitive agierende spanische Goldschmied Elias Tarsis und der kühl berechnende, linksintellektuelle Schweizer Physiker und Genetiker Marc Amary. Beide kennen sich bereits. In der Klosterschule hielt sich Tarsis einst den jüngeren Amary als Sklaven. Zudem wurde während des WM-Kampfes der sowjetische Außenminister entführt. Das brisante daran: Tarsis hält Amary für den Drahtzieher der Entführung. Carl Haffner hingegen hält wenig von Dramatik. Er liebt das Remis, denn ihm fehlt der unbedingte Wille zum Sieg. In seinem Roman Carl Haffners Liebe zum Unentschieden erzählt Thomas Glavinic vom Kampf um die Weltmeisterschaft im Jahre 1910 zwischen dem amtierenden Titelträger Emanuel Lasker und seinem (fiktiven) österreichischen Herausforderer Carl Haffner (Das reale Vorbild für die Romanfigur Haffner ist der Wiener Carl Schlechter [1874-1918]) Neben dem Rummel um seine Person geht es Glavinic aber mehr um Haffners Lebensgeschichte, seine ärmliche Herkunft, sein zaghaftes Spiel und die Liebe zu seiner Halbschwester Lina. Auch der 16-jährige Isaak in dem Roman Remis für Sekunden des Litauers Icchokas Meras will unbedingt ein Unentschieden. Er ist Gefangener in einem jüdischen Ghetto und sitzt in einem Spiel um Leben und Tod dem sadistischen Lagerkommandanten Schoger gegenüber. Gewinnt Isaak, wird Schoger ihn erschießen, verliert er, schickt Schoger sämtliche Kinder des Ghettos ins Gas. Nur bei einem Remis kommen alle davon - beinahe alle. Die eigentlichen Helden des Romans sind allerdings die Ghettobewohner, deren Geschichten den größten Raum des Buches einnehmen. Sie machen aus Meras’ Roman wahrlich große Literatur.  Eine ganz ähnliche Situation wie in Remis für Sekunden finden wir in dem hochspannenden Roman Die Lüneburg Variante des Italieners Paolo Maurensig. Hier treffen des Nachts zwei Männer in einem Zug zu einer Partie Schach zusammen, scheinbar zufällig. Bald jedoch wird klar, die Lebenslinien des Älteren und die des Stiefvaters des Jüngeren haben sich bereits einmal gekreuzt, damals im Konzentrationslager Bergen-Belsen - und es gibt eine offene Rechnung zu begleichen. Jetzt, drei Jahrzehnte später, kommt es zur Abrechnung. In Die schwarze Dame des spanischen Autors Arturo Pérez-Reverte spielen eine junge Restaurateurin, ein alternder Antiquar und ein introvertierter Schachspieler eine auf einem 500 Jahre alten Gemälde abgebildete Schachpartie nach, um hinter das Geheimnis eines mittelalterlichen Mordfalles zu gelangen. Als sich dann in ihrer unmittelbaren Nähe  weitere Morde ereignen, müssen die drei erkennen, dass sie längst selbst zu Figuren in einem mysteriösen und weitaus komplexeren Schachspiel geworden sind. 20 Züge auf dem Schachbrett, 20 Kapitel im Buch. In Wolfgang Camphausens Eine kleine Schachmusik vertreiben sich zwei Violinisten die Zeit zwischen zwei Orchesterproben mit einer schnellen Partie Schach und räsonieren dabei über Musik, Schach und das Leben im Orchester. Am Ende dieses handlungsarmen aber dennoch kurzweiligen Romans steht ein Matt und eine kleine Überraschung. In dem Roman Der Schachautomat konstruiert der Autor Robert Löhr eine fiktive Geschichte um den Hofrat Wolfgang von Kempelen, der mit seinem “Schachtürken” zwischen 1770 und 1785 halb Europa an der Nase herumführte. Über die Schachpartien, die der im Innern des Automaten versteckte Spieler meist gewann, erfährt der interessierte Leser jedoch wenig. Auch in dem Roman Das Montglane-Spiel von Katherine Neville dient das Schachspiel lediglich als Aufhänger für eine rasante Abenteuergeschichte, die den Bogen vom Mittelalter über die Französische Revolution bis hinein in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts schlägt. Zwei Frauen, eine junge Novizin und eine Computerexpertin, machen sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Schachspiel Karls des Großen, das eine geheimnisvolle Formel birgt, deren Kenntnis ungeahnte Macht verleiht. Auch Patrick Süskind hat eine kleine Erzählung über das Schachspiel geschrieben. Ein Kampf heißt sie und ist zu finden in dem schmalen Erzählungsbändchen Drei Geschichten und eine Betrachtung. Eines Abends im Jardin du Luxembourg: Ein junger Hasardeur fordert den alten Lokalmatador heraus. Alle erwarten einen Sieg von ihm, doch es kommt anders. In dem Roman Die Schachspielerin von Bertina Henrichs ist es die 42jährige Eleni Pannayotis, Zimmermädchen im Hotel Dionysos auf Naxos, die das Schachspiel erlernt und sich mit dessen Hilfe aus ihrer familiären und provinziellen Enge befreit. Helmut Wieteck beschreibt in seiner fiktiven Biographie Das mächtige Spiel den Aufstieg eines jungen deutschen Vereinsspielers zum Schachweltmeister, garniert mit einer kurzen Geschichte der Schachweltmeisterschaft, schnörkellos erzählt, mit 33 Schachnotationen im Text. Dies ist weniger ein Buch für Freunde der feinsinnigen Literatur, mehr eines für die Enthusiasten unter den Schachliebhabern.   Nebenbei bemerkt: Der Roman Zugzwang des Engländers Ronan Bennett ist tatsächlich ein hervorragendes Buch, doch anders als der Titel vermuten lässt, kommt das Schachspiel darin kaum vor. Ganz im Gegensatz dazu Die letzte Partie des italienischen Autors Fabio Stassi. Kein Wunder, hat doch der Roman das Leben von José Raúl Capablanca zum Gegenstand und der war immerhin Schachweltmeister von 1921 bis 1927. Wir erleben einen melancholischen Capablanca, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seinen verlorenen WM-Titel zurück zu gewinnen, doch sein großer Widersacher Alexander Aljechin entzieht sich seinem Herausforderer bis zum Schluss. In 64 kurzen Kapiteln verknüpft Stassi dabei phantasiereich und sprachlich elegant die bekannten Eckdaten aus dem Leben des kubanischen Schachgenies mit frei erfunden Anekdoten zu einem spannenden und leicht lesbaren Text - und wartet zum Schluss auch noch mit einer überraschenden Pointe auf. Erstklassige Lektüre.   Der reale Anblick des Schachbretts ist für den namenlosen Jungen in Yoko Ogawas Roman Schwimmen mit Elefanten eher störend. Infolgedessen hockt er lieber unter dem Schachtisch als davor. Die Züge auf dem Schachbrett über seinem Kopf erkennt er anhand der Geräusche, die die Figuren beim Setzen verursachen. Als er beschließt, wie einst Oskar Matzerath, nicht mehr zu wachsen, baut ihm sein Großvater eine japanische Variante des berühmten Schachtürken des Baron von Kempelen. Ab da verbringt er sein Leben im Innern des “kleinen Aljechin”.    Als Heinz Magnus auf der Flucht vor den Nazis 1939 Buenos Aires erreicht, weiß er noch nicht, dass ihm viele Jahrzehnte später sein Enkel, der argentinische Autor Ariel Magnus mit dem Roman Die Schachspieler von Buenos Aires ein literarisches Denkmal setzen wird. Anhand der Tagebuchaufzeichnungen seines Großvaters lässt Ariel Magnus die Geschehnisse rund um die Schacholympiade, die ausgerechnet im September 1939 in der argentinischen Hauptstadt stattfindet, wieder aufleben. Mit großer Fabulierkunst, lebendigen Dialogen, zahlreichen Vor- und Rückblenden, und vielen realen und fiktiven Personen (unter anderen tritt Mirko Czentovic auf, der Schachweltmeister aus Zweigs Schachnovelle, auch Stefan Zweig selbst kommt vor)  lässt Ariel Magnus vor den Augen seiner Leserschaft ein großes literarisches Gemälde entstehen, dass viel Konzentration erfordert, am Ende aber auch ermüdet.   Walter Tevis, Das Damengambit: Beth Harmon wächst Ende der 1950er Jahre in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Als sie acht Jahre alt ist, erlernt sie das Schachspiel, vom wortkargen Hausmeister im Heizungskeller. Von da an ist Beth süchtig, nach Schach und den kleinen grünen Pillen, die zur Beruhigung der Kinder im Waisenhaus großzügig verteilt werden. Walter Tevis beschreibt kühl und distanziert, aber durchaus spannend Beths’ Harmons Weg in die Weltspitze des Schach. Am Ende kommt es zum ultimativen Showdown mit dem Weltmeister in Moskau. Der Roman, in den USA bereits 1983 erschienen, war Vorlage für die erfolgreiche Serie “Das Damengambit” auf Netflix.
Noch ein Tipp: Bei Wikipedia gibt es eine “Liste belletristischer Literatur mit schachlichem Hauptinhalt”

 

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Dostojewski: Dichter, Spieler, Psychologe

Die Sekundärliteratur zu Fjodor Michailowitsch Dostojewski füllt ganze Schränke. Kein Wunder, Dostojewski gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller russischer Sprache. Als er 1882 im Alter von 60 Jahren starb, lag ein ereignisreiches Leben hinter ihm. Man denke an seine Spielsucht, seine permanente Geldnot, seine Begnadigung auf dem Richtplatz und die anschließende Verbannung nach Omsk und die Anfälle von Epilepsie, die ihm zeitlebens zu schaffen machten. Von den zahlreichen Biographien zum Leben Dostojewskis ist die bekannteste, die des Norwegers Geir Kjetsaa mit dem Titel Dostojewskij - Sträfling, Spieler, Dichterfürst. Da sie keineswegs naturwissenschaftlich hermetisch angelegt ist, liest sie sich leicht wie ein Roman. Wem die 500 Seiten dennoch zu viel sind, der greife zur rororo-Monographie, die kurz und knapp, jedoch nicht weniger umfassend, über das Wichtigste aus Leben und Werk Dostojewskis informiert. Weitere Einblicke gewährt das Buch Erinnerungen geschrieben von Anna Grigorjewna Dostojewskaja, Dostojewskis zweiter Ehefrau. Die Dostojewskaja hat ihren Ehemann zeitlebens sehr verehrt, deshalb darf es nicht verwundern, wenn sie den großen russischen Schriftsteller in ihrer Biographie sehr idealisiert darstellt. Authentischer sind dagegen die Briefe Dostojewskis an seinen Bruder Michail, seine Freunde Baron Wrangel, Apollon N. Majkow, Nikolai N. Strachow und viele andere, die nachzulesen sind in dem Buch Als schwanke der Boden unter mir, Briefe 1837-1881, herausgegeben von Professor Dr. Wilhelm Lettenbauer. Das Dostojewski in seinem Leben viel gereist ist, wissen wir. England, Frankreich, Dänemark, Österreich, die Schweiz, Tschechien und Italien hat er besucht. In Deutschland hat sich Dostojewski mehrfach aufgehalten. Legendär sind seine Aufenthalte in Berlin, Dresden, Köln (Der Dom sieht aus, “... wie eine riesige zusammengeklöppelte Schnurrpfeiferei, von der Sorte, die man als Briefbeschwerer auf den Schreibtisch stellt ...”) sowie Bad Homburg, Wiesbaden, Baden Baden und zum Schluss mehrmals Bad Ems. Die Slawistin und Germanistin Karla Hielscher hat zu diesem Thema ein mit zahlreichen Illustrationen versehenes Taschenbuch veröffentlicht, Dostojewski in Deutschland, das auf 280 Seiten Dostojewskis Spur in unserem Land detailliert nachzeichnet. Auch Stefan Zweig hat sich mehrfach mit Dostojewski und seinem Werk beschäftigt. In Sternstunden der Menschheit finden wir die Ballade Heroischer Augenblick. In ihr geht es um die buchstäblich in letzter Sekunde ausgesprochene Begnadigung des zum Tode durch Erschießen verurteilten Dostojewski auf dem Petersburger Semenowskplatz. In dem mehr als hundert Seiten langen Essay Dostojewski gelingt Stefan Zweig eine behutsame Annäherung an die Gedankenwelt Dostojewskis und deren Widerhall in Leben und Werk des Schriftstellers, nachzulesen in der Anthologie Drei Meister - Balzac, Dickens, Dostojewski. Mehrfach ist Dostojewski selbst zur Figur von Romanen geworden. Zwei möchte ich hier erwähnen, zum einen Der Meister von Petersburg des Südafrikaners J. M. Coetzee, der eine fiktive Geschichte um einen alternden Schriftsteller namens Fjodor Michailowitsch konstruiert, der nach Petersburg reist, um die näheren Umstände des Todes seines Stiefsohns Pawel zu erfahren und dabei immer tiefer in die Welt Dostojewskis eintaucht und mit ihr verschmilzt, und zum anderen Ein Sommer in Baden-Baden von Leonid Zypkin, der seinen Roman ebenfalls auf zwei (Zeit-)Ebenen spielen lässt: Ein Autor und Dostojewski-Kenner ist in der Jetzt-Zeit auf den Spuren seines Idols unterwegs, gleichzeitig führt die Handlung zurück in die 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts in denen das Ehepaar Dostojewski auf seinen Reisen in Westeuropa unterwegs ist. Dieser Teil ist von hoher Authentizität geprägt. Zypkin legt Wert auf die Richtigkeit aller Dostojewskis Leben betreffenden Daten und Fakten - ein Roman von dichter Atmosphäre und hoher erzählerischer Qualität. Im dem Romanerstling Erinnerungen einer Muse der russisch-amerikanischen Autorin Lara Vapnyar kommt Dostojewski leider nur am Rande vor. Die Hauptdarstellerin der Geschichte ist Tanja, die sich in die Muse Dostojewskis hineinträumt. Dostojewskis Muse? Wer kann das sein? Nach Tanjas Meinung ist dies nicht etwa Dostojewskis zweite Ehefrau, die ihren Mann selbstlos umsorgende, treu ergebene Gattin Anna Grigorjewna, sondern die quirlige, unberechenbare Geliebte Polina Suslowa. Während Tanja für den von ihr auserkorenen Schriftsteller Marc ebenso inspirierend sein möchte, wie Polina für ihren Fjodor, muss Tanja am Ende jedoch erkennen, dass sie in den Augen ihres Freundes nichts weiter ist als eine brave Anna Grigorjewna.   Absolut lesenswert: N.S. Trubetzkoy, Dostoevskij als Künstler. Einfach und verständlich erklärt der Autor Dostojewskis Vorgehen beim Verfassen seiner 25 wichtigsten Romane und Erzählungen. Ein Einblick in die Schreibwerkstatt des großen Russen, auch als Nachschlagewerk zu gebrauchen. Sigmund Freud, Dostojewski und die Vatertötung: Mit den Mitteln der Psychoanalyse nähert sich Freud dem großen Dichter und dem Vatermord in dem Roman Die Brüder Karamasow. Der Theologe, Psychotherapeut und ausgewiesene Dostojewski-Kenner Eugen Drewermann stellt in seinem Buch Dass auch der Allerniedrigste mein Bruder sei fünf Betrachtungen an zu den Themen Geld, Spielsucht, Leben ohne Gott und das Christusbild bei Dostojewski. Eckhard Henscheid beweist uns in seinem Buch Dostojewskis Gelächter - Die Entdeckung eines Großhumoristen, dass auch der Schwerenöter Dostojewski durchaus Humor besaß. Oder ist alles nur Ironie? (Viele Schachtelsätze erschweren das Leseerlebnis.) Der Niederländer Jan Brokken hatte die Gelegenheit, bisher kaum bekannte Dokumente aus dem Briefwechsel zwischen Alexander von Wrangel und Dostojewski zu sichten und hat daraus einen lesenswerten Roman gemacht. In Sibirischer Sommer mit Dostojewski - Roman einer Freundschaft schauen wir mit den Augen Baron von Wrangels auf das Leben des jungen Dostojewski während der Zeit seiner sibirischen Verbannung. Klaus Trost, Dostojewski und die Liebe - Zwischen Dominanz und Demut: Der Dichter als Mensch, jenseits seines literarischen Schaffens: Dostojewski als Liebhaber, als Ehegatte, leidenschaftlich und verzweifelt, eifersüchtig und besessen, und doch immer ein Suchender. Klaus Trost zeigt uns Dostojewski  und die Frauen im Leben des Dichters aus unbekannter Perspektive. (siehe auch: https://www.dostojewski.eu)   Hier noch vier Biographien: Rainer Buck, Fjodor M. Dostojewski - Sträfling, Spieler, Seelenforscher: Für den schnellen Überblick, als leicht zu lesende Lektüre sehr zu empfehlen. Andreas Guski, Dostojewskij - eine Biographie. Der Slawist Guski steigt tief hinab in die Gedankenwelt Dostojewskis und die Interpretation seiner fünf Großromane, ein ebenso kluges wie einfühlsames Buch. Das aktuelle Standardwerk. Markus Spieker, David Bühne, Rock me Dostojewski! Poet. Prophet. Psychologe. Punk Die biographischen Fakten spielen hier eine untergeordnete Rolle. Das Buch besticht durch die zahlreichen Zitate aus den Romanen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen Dostojewskis und deren Interpretation.  Ursula Keller und Natalja Sharandak, Dostojewskij und die Frauen. Der Inhalt rechtfertigt den Titel leider nicht. Die Frauen an der Seite Dostojewskis nehmen in dieser herkömmlichen Biographie zu wenig Raum ein. Da sei eher auf das Buch von Klaus Trost verwiesen.    

 

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Großstadtromane

Der Kölner Literaturwissenschaftler Walter Hinck zählt in seinem Buch Romanchronik des 20. Jahrhunderts die wichtigsten Großstadtromane des vergangenen Jahrhunderts auf. Seiner Meinung nach sind dies vier an der Zahl: Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, Petersburg von Andrej Belyj, Ulysses von James Joyce und Manhattan Transfer von John Dos Passos. Wir Genazino-Fans zwinkern mit den Augen und fügen den Großstädten Berlin, Petersburg, Dublin und New York gerne noch eine weitere hinzu, nennen sie zum Beispiel Frankfurt und denken dabei an einen komischen Vogel mit Namen Abschaffel.   Und noch einer fällt mir ein: Aleksandar Tišma, dessen Name untrennbar verbunden ist mit seiner Heimatstadt Novi Sad, Hauptstadt der Vojvodina. Und natürlich Orhan Pamuk, dessen literarisches Schaffen sehr häufig seine Heimatstadt Istanbul zum Mittelpunkt hat.

 


 
Giuseppe Arcimboldo (1526 - 1593), Der Bibliothekar

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Bücher über Bücher

Sie lesen für Ihr Leben gern? Sie lieben Bücher - Geschichten, Erzählungen, Romane? Dann sind Romane in denen wiederum Bücher im Mittelpunkt der Handlung stehen genau das richtige für Sie. Zum Beispiel solche wie Tintenherz der deutschen Autorin Cornelia Funke. Ein Kinderbuch? höre ich Sie sagen. Ja und mehr als das, ein Buch für alle, die lesen können, und Spaß daran haben. Die 12-jährige Meggie lebt mit ihrem Vater Mo, einem “Bücherarzt”, allein in einem alten Haus. Eines Nachts bekommt Mo Besuch von einem merkwürdigen Fremden. Er warnt Mo vor einem Mann namens Capricorn. Capricorn ist eine der Figuren, die dem Buch Tintenherz entstiegen waren, als Mo daraus vorgelesen hatte. Jetzt wollen Capricorn und seine Kumpane alle Exemplare des Buches vernichten, um nicht mehr in die Geschichte zurückkehren zu müssen. Ein Exemplar existiert jedoch noch, dasjenige, welches sich in Mos Besitz befindet. Am nächsten Tag verstecken Mo und Meggie das Buch in der großen Bibliothek von Tante Elinor. Doch Capricorn gibt nicht auf und nimmt Meggie als Geisel. Ein furioses Abenteuer beginnt. Das Tintenherz erwacht zum Leben und Meggie greift ein in den Kampf zwischen Realität und Fiktion. Ein ganz ähnliches Abenteuer erlebt der zehnjährige Bastian Balthasar Bux in Michael Endes Erfolgsroman Die unendliche Geschichte. Bastian flüchtet sich vor den Nachstellungen seiner Schulkameraden in das Antiquariat von Karl Konrad Koreander, wo er auf ein auf dem Tisch liegendes aufgeschlagenes Buch aufmerksam wird. Die Geschichte fasziniert ihn. Er entwendet das Buch, schießt sich im Schulspeicher ein und beginnt mit der Lektüre. Die unendliche Geschichte handelt vom Land Phantásien ... und von einem Jungen, der Bastian sehr ähnlich ist. Elias Canetti: In seinem umfangreichen Werk befindet sich nur ein einziger Roman: Die Blendung. In ihm steht nicht ein einzelnes Buch im Mittelpunkt, sondern eine ganze Bibliothek - und mitten drin, behütet wie ein Kind im Mutterleib: Peter Kien, weltabgewandter Sinologe und Herr über 25.000 Bücher. Doch für Kien endet der unbeschwerte Zustand der Idylle schlagartig. Nach acht Jahren Gleichgültigkeit entdeckt er zum ersten mal die weiblichen Reize seiner Haushälterin - und heiratet sie, oder besser, sie heiratet ihn - für Kien ein folgenschwerer Fehler. Fortan ist es aus mit dem ruhigen Leben in der Bibliothek. Therese Kumbholz führt ein hartes Regiment und mischt sich stärker in Kiens Leben ein als diesem lieb ist. Nachdem es ihr endlich gelungen ist, Kien aus seiner Wohnung zu drängen, ist die Katastrophe nicht mehr abzuwenden. Kien gerät völlig unter die Räder. Auch die namenlose Titelfigur in Régis de Sá Moreiras schmalem Bändchen Das geheime Leben der Bücher ist von Gedrucktem aller Art umgeben. Der Mann ist Buchhändler aus Passion und die Buchhandlung ist das Zentrum seines Universums. Er lebt mit seinen Büchern und er liebt sie und die Bücher lieben ihn. Eine wirkliche Handlung findet nicht statt in diesem Roman. Was wir erleben ist ein Einblick in den Tagesablauf eines zufriedenen Menschen. Eigentlich sind alle glücklich in diesem Roman. Der Buchhändler ist es, die Bücher sowieso, die Kunden ebenfalls (soweit es ihnen gelungen ist, den Buchhändler zum Verkauf eines seiner Schätze bewegen zu können) ... und wir Leser? Wir sind es auch. Carlos María Domínguez, Das Papierhaus: Als der namenlose Ich-Erzähler, Dozent für Literatur an der Universität von Cambridge, das an seine verstorbene Kollegin adressiertes Kuvert öffnet, findet er darin ein abgenutztes Exemplar von Die Schattenlinie von Joseph Conrad. Was hat es damit auf sich? Warum ist das Buch über und über mit Zementmörtel beschmutz und was bedeutet die seltsame Widmung auf der Innenseite des Buchdeckels? Die Recherche führt den Ich-Erzähler nach Südamerika und auf die Spur eines Mannes mit einer außergewöhnlichen Liebe zu Büchern. Am Ende steht die Erkenntnis, dass auch Bücher eine Biographie haben. Klappentext: “Ein literarisches Kabinettstück für alle, die nicht leben können, ohne zu lesen.” So ist es! Barcelona, zur Zeit Francos: An der Hand seines Vaters betritt der zehnjährige Daniel Sempere den ”Friedhof der vergessenen Bücher”. Daniel darf sich ein Buch aussuchen, für das er von jetzt an die Verantwortung übernehmen wird. Seine Wahl fällt auf ein Buch mit dem Titel Der Schatten des Windes. So beginnt der gleichnamige Romanerstling des jungen spanischen Autors Carlos Ruiz Zafón, der damit innerhalb kürzester Zeit in ganz Europa zu großer Berühmtheit gelangte. Und das völlig zu recht, denn der geniale Plot, die Vielzahl der unterschiedlichen Charaktere und der rasante Handlungsverlauf vor dem Hintergrund der durch General Franco geprägten spanischen Geschichte ziehen den Leser unweigerlich in ihren Bann. Was, so fragt sich der kleine Daniel Sempere, hat es mit dem geheimnisvollen Autor seines Romans auf sich? Und wer ist der rätselhafte Fremde mit der Maske, der sich ebenfalls für das Buch interessiert? Der Schatten des Windes ist alles in einem: ein Kriminal- und Schauerroman, ein Abenteuer- und Bildungsroman, ein historischer Roman und nicht zuletzt auch ein Liebesroman. Gleich zwei Romane beschäftigen sich mit dem Schicksal des Theologen und unheilbaren Bibliomanen Johann Georg Tinius. Seine Bücherleidenschaft brachte den Pfarrer von Poserna in Sachsen an den Rand des finanziellen Ruins, nachdem man ihn im Jahre 1823 in einem zehnjährigen Indizienprozess zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt hatte. Der Vorwurf: Um seine Büchersucht zu stillen, soll Tinius zwei brutale Morde begangen haben. Tinius selbst hat die Taten bis an sein Lebensende bestritten. Zu Recht? Detlef Opitz meint: ja. In seinem sprachgewaltigen Roman Der Büchermörder schildert er nicht nur ausgesprochen bildhaft die damaligen Ermittlungen in dem Mordfall, sondern auch seine eigenen Recherchen, die mühsame Schnitzeljagd in Archiven, Bibliotheken und Privatsammlungen. - Ein großartiger Roman. Der Theologe und Philosoph Klaas Huizing nähert sich dem Thema in seinem Buch Der Buchtrinker - zwei Romane und neun Teppiche mehr von der fiktionalen Seite. Huizing stellt der historischen Figur Tinius eine aus der Gegenwart gegenüber, den Studenten Falk Reinhold, der durch Zufall auf die Schriften Tinius’ stößt und sich im Laufe der Geschichte immer weiter darin verliert. Das sind die zwei Romane. Die neun Teppiche sind zum Teil recht isoliert dastehende Collagen, bestehend aus Zitaten von Platon, Nietzsche, Kierkegaard, Kant, Rousseau, Proust, Benjamin u.v.a. Kommen wir nun zu den Fälschern unter den Romanfiguren, zum Beispiel zu David Kern, einer dieser ununterscheidbaren Allerweltstypen, Kellner in einem Szene-Lokal in Zürich. David ist die Hauptfigur in Martin Suters Roman Lila, Lila. Um seiner heimlichen Geliebten Marie zu gefallen, gibt ihr David ein Romanmanuskript zu lesen. Marie ist hingerissen von der sentimentalen Liebesgeschichte. Sie hält David für den Autor und reicht das Manuskript ohne sein Wissen bei einem Verlag ein. Das Buch wird auf Anhieb ein Bestseller und Marie Davids Geliebte. Was Marie jedoch nicht weiß: David hat den Roman nicht selbst verfasst. Er hat ihn in der Schublade eines alten Nachttischs entdeckt. In der Folgezeit sieht sich der neue Literaturstar David Kern gezwungen, zur Wahrung seiner Identität ein gigantisches Lügengebäude zu errichten, das krachend über ihm zusammen zu brechen droht, als ein alter Mann auftaucht, der behauptet, der Urheber des Textes zu sein. -  Eine Mischung aus Thriller und Liebesroman, versehen mit ein paar kräftigen Seitenhieben auf den Literaturbetrieb. Gemessen an den überragenden Romanen Die dunkle Seite des Mondes und Small World ist Lila, Lila allerdings Suters schlechtester Roman. Im Gegensatz zu David Kern ist Lukas Domcik, Protagonist in Klaus Modicks Roman Bestseller, ein gestandener Schriftsteller, leider jedoch ebenso mittelmäßig wie mittellos. Domcik (ein Anagramm des Namens Modick) findet eines Tages im Nachlass seiner verstorbenen Tante einen Koffer mit Briefen und Aufzeichnungen aus ihrer Jugend in den dreißiger und vierziger Jahren. Als Lukas Domcik der attraktiven Maskenbildnerin Rachel begegnet, reift in ihm ein raffinierter Plan. Mit der überaus medienwirksamen Rachel als vorgeschobener Autorin eines schicksalsvollen Familienromans ließe sich aus den Aufzeichnungen der Tante ein veritabler Bestseller machen. Zunächst scheint der Coup zu gelingen. Als Domcik jedoch die Fäden seiner Marionette mehr und mehr aus den Händen verliert, droht die Katastrophe. Modicks Roman ist kein Thriller. Nicht Domcik und Rachel sind die Stars in diesem Buch. Der Star ist der Literaturbetrieb selbst, den Modick aus eigener Erfahrung gut kennt und deren Mechanismen er hier schamlos offen legt.   In Jessica Durlachers kleiner Erzählung Schriftsteller! ist es weniger der Literaturbetrieb als vielmehr ein einzelner Autor, der mit der Ich-Erzählerin, selbst hoffnungsvolle Schriftstellerin, ein falsches Spiel treibt, um sie zum Schreiben zu animieren. Am Ende stellt sich heraus: Ihr Buch ist bereits geschrieben, von eben jenem Autor, der sie schamlos für eigene Zwecke benutzt hat. - eine spannende Geschichte, eine Satire und auch das: ein Schlüsselroman. Eine Satire auf den Literaturbetrieb ist auch Peter Zeindler mit seinem Roman Der Schreibtisch am Fenster gelungen. Jakob Solbach heißt der erfolglose Autor, der vom Fenster seiner Wohnung das gegenüberliegende Verlagsgebäude beobachtet und auf Rache sinnt an seinem Verleger Alexander Heldt, der ihn bisher viel zu wenig beachtet hat. In einem Schlüsselroman will er sie alle auftreten lassen: den alternden Groß-Verleger, dessen Starautor Armin W. Loidl und die künftige Ehefrau des Verlegers, die Opernsängerin Bettina Bartov, in die auch Solbach verliebt ist. Als sich Solbach dem in eine Schreibkrise geratenen Starautor als Ghostwriter zur Verfügung stellt und ihm die ersten Kapitel seines Romans überlässt, beginnen sich Fiktion und Realität zu vermischen. Ohne Frage, Der Schreibtisch am Fenster ist selbst ein Schlüsselroman. Nicht ohne Grund kommen dem Leser Namen wie Siegfried Unseld, Ulla Berkewicz und Martin Walser in den Sinn. Augenzwinkernd macht sich Peter Zeindler lustig über den deutschsprachigen Literaturbetrieb und dessen Allüren und Skandale. Und noch einmal ein Jugendbuch. Ähnlich wie Cornelia Funke in ihrem Bestseller Tintenherz lässt auch das Autorenduo Christoph Wortberg / Manfred Theisen seine Helden in Der Geist der Bücher die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion deutlich überschreiten. Doch Wortberg und Theisen begnügen sich hier nicht mit einer einzigen Geschichte. Sie schicken den fünfzehnjährigen Ben und seine Freunde vielmehr kreuz und quer durch die Weltliteratur. Dabei treffen sie auf zahlreiche literarische Figuren, die sich als ganz und gar lebendig erweisen: Kapitän Ahab und Moby Dick, Robinson Crusoe nebst seinem Adlatus Freitag und einer Schar Kannibalen, Faust, Don Quijote und Sancho Pansar, der trübsinnig leidende Werther, Oliver Twist, Emma Bovary und Anna Karenina. Auf Ihrer Reise werden Ben und seine Begleiter dabei von den grausamen Schattenkriegern verfolgt, die jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, mit äußerster Brutalität dahinmetzeln. Die Autoren schildern dies in einer sehr drastischen, gar bluttriefenden Sprache, die mir durchweg unangemessen erscheint. Aber zum Schluss git’s auch hier ein Happy End, so dass die Weltliteratur zum Glück nicht neu geschrieben werden muss.    Hier ist jemand in proustscher Manier auf der Suche, in Friedrich Kröhnkes kleinem Buch Ein Geheimnisbuch, nicht nach der verlorenen Zeit, nein, nach verlorenen Büchern, den Büchern der Kindheit, als das Abenteuer “Lesen” begann und sich fortsetzte als Leser und Sammler von Büchern, bis zum heutigen Tag, als er, der Autor, neben der Bücherwand auf dem Bett liegend, vom Tramadol gefördert, sich zurückerinnert, als er und sein Zwillingsbruder die Buchläden und Antiquariate durchstöberten und fanden, was sie suchten: Bücher, die zunächst und allererst ein optisches Vergnügen waren,  rororo-Tachenbücher, glatt mit Leinenrücken, Edition Suhrkamp, einfarbig bunt, Reihe Hanser, schwarze Schrift auf gelbem Grund. Und wie schön war es, als das Leben noch jung und die verbleibende Zeit zum Bücherlesen schier unendlich erschien.    Und noch ein höchst lesenswerter Roman über Fälscher und Plagiatoren: David Belbin macht in seinem Buch Der Hochstapler einen jungen und mittellosen Studenten namens Mark Trace zum Helden einer äußerst spannenden Geschichte, in der eine von Trace als bloße Fingerübung im Stile von Ernest Hemingway verfasste Story ohne dessen Zutun an die Öffentlichkeit gelangt und prompt große Aufmerksamkeit erregt. Um einer in finanzielle Turbulenzen geratenen Literaturzeitschrift zu helfen, verfasst Trace weitere “verschollene” Werke, diesmal von Graham Greene und Roald Dahl. Doch die Identität des jungen Fälschers droht aufgedeckt zu werden und sein literarisches Talent erweckt weitere Begehrlichkeiten.   Mit seinem Roman Der Club Dumas führt der spanische Autor Arturo Pérez-Reverte seine LeserInnen tief hinein in die Welt der Bücher, der mittelalterlichen Folianten, Druckereien, verstaubten Antiquariate, Buch-Restauratoren und -Fälscher und hinein in die Bibliotheken exzentrischer und skrupelloser Bibliomanen. Lucas Corso, „Bücherjäger“ von Profession soll im Auftrag des reichen Sammlers Varo Borja zwei weitere Ausgaben des 1666 in Venedig gedruckten Buches Die neun Pforten ins Reich der Schatten finden und mit dem Exemplar Borjas vergleichen. Der Grund: Die Bücher enthalten alte Holzschnitte mit okkulten Anweisungen, die vom Teufel selbst stammen sollen. Was Corso nicht weiß: Die Figuren aus Alexandre Dumas Roman Die drei Musketiere üben auf seine Recherche mehr Einfluss aus als ihm lieb sein kann. - Eine verzwickte und zugleich spannende und lehrreiche Geschichte auf hohem sprachlichem Niveau. (Das ist nun wirklich einmal ein Buch über Bücher!)      Im Leipziger Miniaturbuch-Verlag sind in einem edlen, ledergebundenen Bändchen mit dem Titel Bücherwahn drei Erzählungen erschienen, die sich alle mit besonders ausgeprägten Formen der Bibliomanie beschäftigen. Die Titel gebende Erzählung stammt von Gustave Flaubert. Er schrieb sie bereits im Alter von fünfzehn Jahren. Giacomo, Buchhändler in Barcelona, ist ein Bibliomane der übelsten Art, der für seine Bücher tatsächlich über Leichen geht. Als er aus dem brennenden Haus seines Widersachers das vermeintlich einzige in Spanien existierende Exemplar einer lateinischen Bibel mit griechischen Erläuterungen stiehlt, um es seiner Sammlung einzuverleiben, wird er gefasst und vor Gericht gestellt. Sein Anwalt macht einen letzten Versuch, ihn vor der drohenden Todesstrafe zu bewahren und präsentiert dem Gericht ein zweites Exemplar dieser Bibel. Giacomo ist erschüttert. Er kann den Gedanken, dass er nicht das einzige Exemplar besessen hat, nicht ertragen. Er zerreißt das zu seiner Entlastung dienende Beweismittel und nimmt lieber den Tod in Kauf. In Charles Nodiers Erzählung Der Bibliomane heißt der Unglückliche Théodore. Er ist an einer Art fiebrigen Bücherwahns erkrankt, dem man im Journal der medizinischen Wissenschaften den Namen  ‚Saffianleder-Wahn’ bzw. ‚Bibliomanenfieber’ gegeben hat, denn der gute Mann hatte in den Büchern das fruchtlose Studium der Buchstaben zu weit getrieben, um sich gleichzeitig deren Geist zu Eigen machen zu können. Am Ende stirbt er und auf seinem Grabstein ist zu lesen:

Einen wahren Albtraum erlebt der Ich-Erzähler in Charles Asselineaus Erzählung Die Hölle des Bibliomanen. Er begegnet dem Dämon seiner selbst, der ihn - gleich Dante und Vergil - durch die Kreise der Hölle führt, indem er ihn veranlasst Unmengen überteuerte und zumeist wertlose Bücher zu kaufen, diese unsinnigerweise auch noch binden zu lassen um schließlich auf einer Buchauktion sein halbes Vermögen für zweitklassige Literatur zu verschleudern. „Und womit soll ich das alles bezahlen?“ fragt er seinen Dämon resignierend. „Mit deiner Bibliothek“, antwortet dieser, worauf sich alle Besucher der Auktion in Bewegung setzen, sein Haus stürmen und seine Bibliothek plündern, indem sie die wertvollsten Stücke seiner Sammlung aus den Schränken reißen und dem johlenden Pöbel durch die Fenster hinaus auf den regennassen Asphalt werfen. Doch zum Glück, es ist nur ein Traum.      Eine nette Idee steht im Mittelpunkt des Romans Der Zauber der ersten Seite der französischen Autorin Laurence Cossé. Eine Hand voll bibliophiler Enthusiasten gründet in Paris eine Buchhandlung in der ausschließlich gute Romane angeboten werden, ausgewählt von einem anonymen aber hoch kompetenten Komitee. Einziges Auswahlkriterium für die Romane ist deren Qualität. Da die Buchhandlung mit dem Namen „Der Gute Roman“ von der Konkurrenz heftig kritisiert wird, versetzt das die Protagonisten in die Lage, sich genau darüber Gedanken zu machen, über Qualität, was das ist: ein guter Roman und wie man das Sortiment der Buchhandlung zusammenstellt, gliedert und aktuell hält, welche Länder man berücksichtigt und ob das ganze Unternehmen nicht vielleicht doch zu elitär erscheinen mag. Das zu lesen ist stellenweise sehr unterhaltsam und tröstet über die banale Handlung des Romans hinweg. Leider wird jedoch auf die vielen im Buch erwähnten Romantitel (fast alle stammen von französischen Autoren/Autorinnen) kaum eingegangen. Am Ende des Buches finden wir jedoch das obligatorische: eine achtseitige Bücherliste mit Leseempfehlungen.   In dem Mittelalter-Krimi Der Händler der verfluchten Bücher des Italieners Marcello Simoni bekommt der Reliquienhändler Ignazio da Toledo den Auftrag, das „Uter Ventorum“ zu finden, das geheime Wissen der Engel. Die mystische Handschrift soll ihrem Besitzer ungeahnte Macht verleihen. Mit einem kryptischen Rätsel, das es zu lösen gilt, beginnt eine hektische Schnitzeljagd, die Toledo und seine Gefährten durch das mittelalterliche Italien, den Süden Frankreichs und nach Spanien führt, ständig verfolgt von dunklen Mächten. Nicht ungefährlich, denn irgendwo lugt immer eine finstere Gestalt mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze hinter einer Säule hervor, verbirgt sich im Gebüsch oder in einem dunklen Hauseingang. - Sprachlich sehr einfach gestrickt, die Personen wirken schablonenhaft. Hier und da blitzt durchaus Sachkenntnis auf, doch bleibt am Ende die Spannung auf der Strecke. An Umberto Eco oder Dan Brown reicht der Roman nicht heran. Spannung ist auch Mangelware in dem Roman Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra von Robin Sloan. Inhalt: Der arbeitslose Web-Designer Clay Jannon heuert als Aushilfe in einer Buchhandlung an. Schon bald fällt ihm auf, dass sich seine Kunden weniger für die Neuware interessieren, als vielmehr für die angestaubten Folianten im rückwärtigen Teil des Ladens. Diese Bücher enthalten keinen Text, sondern endlose Kolonnen von Ziffern und Buchstaben. Ein literarisches Rätsel? Ein mystisches Geheimnis?  Gar ein überlieferter Code? Clay Jannon und ein paar andere Computerfreaks machen sich nun - schwuppdiwupp! - an die Enthüllung dieses fünfhundert Jahre alten Geheimnisses, ohne Fachkenntnis, nur mit Computer-Know-how und der tatkräftigen Unterstützung der Firma Google. Apropos Google, dieser Name taucht nahezu auf jeder zweiten Seite dieses Buches auf, unkritisch und unreflektiert. Fast möchte ich glauben, dieser Roman ist nichts weiter als eine einzige Werbebroschüre für Google.   Zwei Romane zum Thema Buchpreise: Marlene  Streeruwitz mit Nachkommen, einschließlich des von ihrer Protagonistin Nelia Fehn verfassten, buchpreiswürdigen Romans “Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland” und Der beste Roman des Jahres von Edward St Aubyn, eine herrliche Satire auf den Man Booker Prize (?), elegant in der Sprache, spitzfindig und amüsant, mit viel Ironie ... und: am Ende bekommt den begehrten Preis ... na was wohl? ... ein Kochbuch!!!    Der Buchspazierer von Carsten Henn. Der alte Buchhändler Carl liebt es, abends nach Geschäftsschluss durch die Stadt zu spazieren und Bücher an ausgesuchte Stammkunden auszuliefern. Nachdem sich ihm das junge Mädchen Schascha angeschlossen hat, beginnen beide, ihre Kunden nicht nur mit Lesestoff, sondern auch mit praktischer Lebenshilfe zu versorgen. Ein kitschiges Büchermärchen.     Die Literatur spielt immer eine große Rolle in den Büchern von Fabio Stassi. In den beiden Romanen um den „Bibliotherapeuten“ Vince Corso sind moderne, aber auch klassische Romane die heimlichen Hauptdarsteller. In Die Seele aller Zufälle begibt sich Corso auf eine literarische Schnitzeljagd. In Ich töte wen ich will geht es um die Aufklärung mehrerer Morde, die auf frappierende Weise an Verbrechen in Romanen von Camus, Dostojewski, Gadda u.a. erinnern. Erschwerend kommt hinzu: In allen Fällen ist Corso selbst der Hauptverdächtige. Intelligent, unterhaltsam und sprachlich elegant.    

    Hier einige Romane zum Thema Buchhandel, Buchläden und Antiquariate, kurz und kompakt:

  • Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher
    Nette Geschichte um ein altertümliches Antiquariat in New York um 1919 mit kriminalistischem Plot, viele literarische Anspielungen aber leider nur in Bezug auf englischsprachige Autoren, sprachlich sehr elegant: gutes Buch.
  • Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung
    Autobiographischer Bericht über die Gründung und den Betrieb einer Buchhandlung in Wien als aberwitzige Unternehmung mit ständigem Auf und Ab. Sehr authentisch, eindringliche Atmosphäre, spannend und gefühlvoll: Das Buch ist grandios.
  • Katarina Bivald: Ein Buchladen zum Verlieben
    Eine junge, naive Schwedin versucht in einem Kaff in Iowa die einheimische Bevölkerung zum Lesen zu bringen. Weniger ein Roman über Literatur als einer über das Kaff „Broken Weel“ und seine Bewohner. Herz-Schmerz-Geschichte, zu lang, zu wenig Drive, kurz: ein langweiliges Buch.
  • Thomas Montasser: Ein ganz besonderes Jahr
    Junge Studentin übernimmt den altmodisch-verstaubten Buchladen ihrer spurlos verschwundenen Tante. Die Tage fließen ereignislos dahin, doch plötzlich geschieht das unausweichliche: ein Kunde betritt den Laden und verlangt ein ganz bestimmtes Buch. Zahlreiche literarische Verweise, wenig Handlung, trotzdem eine phantasievolle Geschichte, alles in allem eine Liebeserklärung an das Medium Buch, kurz: ein Buch mit viel Charme.
  • Tom Rachman: Aufstieg und Fall großer Mächte
    Zähe Geschichte. Junge Frau auf der Suche nach ihrer Herkunft, viele Personen, keine davon kommt dem Leser wirklich nahe, verschiedene Zeitebenen, stark dialoglastig, aber wenig zu den Themen Buchhandel und Literatur (glauben Sie nicht dem Klappentext!), daher: Thema verfehlt.
  • Helene Hanff: 84 Charing Cross Road
    Sehr persönlicher Briefwechsel zwischen einer New Yorker Schriftstellerin und den Beschäftigten eines Londoner Antiquariats. Es geht immer um die Beschaffung von Büchern, unterschwellig aber auch um „das Leben, das Universum und den ganzen Rest“. Kurzweilig, spannend und witzig. Fazit: ein liebenswertes Büchlein.
  • Penelope Fitzgerald: Die Buchhandlung
    Noch ein Roman über die Gründung einer Buchhandlung, diesmal in einer Kleinstadt in East Suffolk, England, in den 1950er Jahren. Mit viel Engagement versucht Florence Green den Spießbürgern von Hardborough Kultur beizubringen. Fast will ihr das gelingen. Doch nachdem sie den “Skandalroman” LOLITA ins Programm aufgenommen hat, nimmt das Unheil seinen Lauf. Fast ein Gesellschaftsroman über die englische Klassengesellschaft. Die Sprache geschliffen, kurz und prägnant. Fazit: trotz des deprimierenden Ausgangs ein interessantes Buch, ein feiner, kluger Roman.
  • Sonia Laredo: Das Glück der Worte
    Junge arbeitslose Lektorin übernimmt eine kleine, verträumte Buchhandlung in der spanischen Provinz, mit der Absicht aus ihrem Leben ein Kunstwerk zu machen (Zitat). Eine Entwicklungsgeschichte, in der das Glück und der Zufall arg strapaziert werden. Viel Liebe, Leidenschaft und Tragik. Ob die Autorin wohl eher an ein weibliches Publikum gedacht hat? Reichlich trivial, das ganze. Aber immerhin, es kommt viel Literatur darin vor, deshalb: ein rührendes Märchen, nicht mehr.
  • Madge Jenison: Sunwise Turn
    Zwei Frauen eröffnen im Jahr 1916 eine Buchhandlung in Manhattan, die sich schnell zum kulturellen Fixpunkt entwickelt. Kurzweilige Lektüre, sehr leidenschaftlich, viele Anekdoten, sowohl alltägliches zur Verkaufsökonomie als auch Gedanken zu literarischen und kulturellen Themen - beides zeitlos bis in die Gegenwart. Fazit: Nicht die gefühlvolle Atmosphäre wie bei Petra Hartlieb, aber trotzdem lohnenswerte Lektüre, quasi ein Vorläufer für den Klassiker schlechthin:
  • Sylvia Beach: Shakespeare and Company
    Auf 240 Seiten: die persönlichen Erinnerungen der Sylvia Beach. In ihrer Buchhandlung in Paris wurden Bücher nicht nur verliehen und verkauft, dort wurde auch (Welt-)Literatur gemacht. Zur Shakespeare und Co.- Familie gehörten solche Heroen wie Joyce, Hemingway, Ezra Pound, T.S. Eliot, André Gide, Paul Valéry und Gertrude Stein. Fazit: etwas ermüdend wegen der vielen Namen, trotzdem ein absolutes MUSS.


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Musik zwischen zwei Buchdeckeln

Lesen und Fernsehen sind zwei Dinge, die sich von vorn herein ausschließen. Wer kann sich schon auf seine Lektüre konzentrieren, wenn in der anderen Ecke des Wohnzimmers ein Fernseher vor sich hin plärrt? Im übrigen, das Fernsehen kommt in der Literatur ohnehin kaum vor. (lesenswerte Ausnahme: Der Fernsehgast von Kurt Oesterle) Musik und Literatur hingegen sind durchaus Dinge, die gut miteinander können. Ein bisschen Chopin, John Coltrane oder Keith Jarrett kann als Untermalung bei der Lektüre eines guten Buches durchaus unterstützend sein. Natürlich auch beim Verfassen von Literatur. Viele Autoren sind ebenso gute Schriftsteller wie Musiker und viele haben die Musik zum Thema ihrer Romane gemacht. Maarten t’Hart zum Beispiel. In seinem herrlichen Entwicklungsroman Das Wüten der ganzen Welt hat er seinem Protagonisten die Liebe zur Musik, speziell zu der Johann Sebastian Bachs, tief in die Seele geschrieben. Der Roman enthält jedoch auch kriminalistische Elemente, denn am Anfang der Geschichte steht ein Mord. - Ein Städtchen im Süden Hollands in den 1950er Jahren: Während der junge Alexander Goudveyl, Sohn eines knauserigen Lumpenhändlers, im Lagerhaus seines Vaters Klavier spielt, wird hinter seinem Rücken der Polizist Vroombout erschossen. Alexander hat den Mörder zwar gesehen, aber nicht erkannt. Auf seinem weiteren Lebensweg wird der musikalisch talentierte Alexander fortan von der Angst begleitet, als Zeuge der Tat selbst in Gefahr zu sein. Einfühlsam erzählt Maarten t’Hart von Alexanders Versuchen, die Hintergründe des Verbrechens aufzuklären, beschreibt seine Bemühungen, sich vom strengen Elternhaus abzunabeln und als Student im Holland der 1960er Jahre Fuß zu fassen und lässt den Leser teilhaben an seinen ersten Erfahrungen mit Liebe und Sexualität - und über allem schwebt die Musik Johann Sebastian Bachs. Am Ende wird Alexander nicht nur den Namen des Mörders erfahren, sondern auch wissen, wer ihm das große musikalische Talent vererbt hat. - Ein wirklich großartiges Buch. Übrigens, falls Sie Lust bekommen haben, kaufen Sie doch die Sonderausgabe mit beigefügter CD (falls noch erhältlich). Sie enthält alle im Text erwähnten Musikstücke. Es lohnt sich. Auch in Frank Conroys Roman Body and Soul dreht sich alles um das Klavier. Wir befinden uns in New York, irgendwann in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Der kleine Claude Rawlings wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Er und seine trunksüchtige Mutter bewohnen eine kleine, heruntergekommene Kellerwohnung. Trostlosigkeit und Langeweile allenthalben. Doch immerhin, es gibt ein Klavier. Zwar fehlt das Geld für den Klavierunterricht, doch Claude hat das Glück des Tüchtigen, als er in dem Musikalienhändler Aaron Weisfeld einen Gönner findet, der sein junges Talent fördert - der Anfang einer großen Karriere. Ich weiß nicht, ob Ketil Bjørnstad ein schreibender Pianist oder ein musizierender Autor ist. Für seine zahlreichen Jazz- Aufnahmen ist Ketil Bjørnstad jedenfalls ebenso berühmt wie für die 20 Romane, die der Norweger bisher verfasst hat. In Vindings Spiel zum Beispiel erzählt er die Geschichte Aksel Vindings, der als 15-jähriger beschießt, die Schule abzubrechen, um sich ganz dem Klavierspiel zu widmen. Zusammen mit Gleichgesinnten gründet er die Gruppe ‘Junge Pianisten’. Während ihre Altersgenossen die Beatles und die Rolling Stones verehren, schwärmen Aksel und seine Freunde für Ravel, Bartók und Beethoven. Doch ebenso wie sie, werden auch die jungen Musiker von den Verwirrungen des Erwachsenwerdens nicht verschont. Auch sie haben Probleme mit Eltern, Liebe, Sexualität und Eifersucht. Besonders für Anja Skoog, in die sich Aksel heftig verliebt, hält das Schicksal tragisches bereit. Zwei Jahre nach Vindings Spiel veröffentlichte Ketil Bjørnstad mit Der Fluß die Fortsetzung der Entwicklungsgeschichte um Aksel Vinding, in der sich der 18-jährige in eine heftige Liebesbeziehung zu Anjas Mutter verstrickt und schließlich als Konzertpianist debütiert. Auch diesmal schafft es Bjørnstad, eine Geschichte von allerhöchster Intensität zu erzählen.   2010 dann der dritte Teil: Die Frau im Tal. Aksel Vinding zieht sich nach Kirkenes zurück um über den weiteren Verlauf seines Lebens zu entscheiden.  In Wolfgang Camphausens Kleine Schachmusik sind es zwei Konzertviolinisten, die sich in der Pause zwischen zwei Orchesterproben zu Mozarts Figaro zu einer schnellen Partie Schach in der Cafeteria des Konzerthauses zusammensetzen. Während beide ihren Gedanken nachgehen erfährt der Leser nicht nur viel über das Schachspiel, sondern ebenso viel über das Leben im Orchester und die Welt der Musik. Die Welt der Musik bildet auch den Hintergrund zu Pascal Merciers, alias Peter Bieris zweitem Roman mit dem Titel Der Klavierstimmer. Die Zwillinge Patrice und Patricia reisen nach Berlin zurück, um ihrem Vater beizustehen, der beschuldigt wird, den berühmten italienischen Tenor Antonio di Malfitano während der Aufführung von Puccinis Tosca auf offener Bühne erschossen zu haben. Wie kann das sein? Dem Vater, ein Klavierstimmer, der gerade selber an einer Oper mit dem Namen “Kohlhaas” schreibt, trauen die Kinder eine solche Tat nicht zu. Aus den beiden Berichten, die sich Patrice und Patricia gegenseitig schreiben, erfährt der Leser nicht nur von den Beweggründen, die den Vater zur Waffe greifen ließen, sondern lernt auch das komplizierte Kräfteverhältnis innerhalb der Familie und die inzestuöse Beziehung der beiden Kinder zueinander kennen. Eine eindringliche, mit großem Feingefühl geschriebene (Familien  )Geschichte. Auch im neuesten Roman Pascal Merciers, mit dem Titel Lea, erklingt wieder Musik. Es geht um das komplizierte Verhältnis eines Vaters zu seiner der klassischen Musik verfallenen Tochter, einem Wunderkind an der Geige. Großes Feingefühl zeichnet auch das Werk der holländischen Autorin Margrit de Moor aus. Auch sie, die in Den Haag Klavier und Gesang studierte, kam über die Musik zur Literatur. In ihrem historischen Roman Der Virtuose erzählt de Moor die Geschichte der jungen Contessa Carlotta, die für eine Opernsaison (ohne ihren Ehemann) nach Neapel reist, um sich in der Stadt der Oper ganz ihrer musikalischen Leidenschaft hinzugeben. In Neapel verfällt Carlotta nicht nur dem Belcanto, sondern auch dem Kastraten Gasparo Conti, der Dank seiner betörenden Stimme zur Zeit grandiosen Erfolg auf den Bühnen Europas feiert. Carlotta gelingt es Gasparo zu verführen und beide verleben eine rauschhafte Zeit. Musik, Liebe und Erotik durchdringen sich und versetzen die Contessa in einen überirdischen Zustand - und den Leser ebenfalls. Auch in Nick Hornbys Kultroman High Fidelity spielt die Liebe eine große Rolle - und auch der Liebeskummer. Immerhin ist der 35jährige Rob Fleming, Musikfreak und Besitzer eines Plattenladens kurz vor der Pleite, gerade von seiner Freundin Laura verlassen worden. Jetzt muss Rob erst einmal  sein Leben in den Griff bekommen. Was also tun? Zunächst könnte er ja mal damit beginnen, seine Schallplattensammlung neu zu ordnen. Was auch sonst. Sein Leben gehört nun mal der Popmusik. Ansonsten ist er einer, der pausenlos Top Five-Listen aufstellt: die fünf schlimmsten Liebeskummererlebnisse, die fünf besten Songs der 70er, die fünf unmöglichsten Performances. - Ein Kultbuch für alle, die in den 70ern Pop- und Rockmusik gehört und Platten gesammelt haben und natürlich für alle, die jung geblieben sind. Der Kontrabass von Patrik Süsskind ist kein Roman, sonder ein Theaterstück, eines für einen einzelnen Schauspieler und seinen Kontrabass. Aber auch in der gedruckten Fassung ist das Bühnenstück ein Erlebnis. Wir lesen einen 96-seitigen Monolog eines Mannes, für den sein Instrument sowohl Glück und Erfüllung als auch Überforderung und Bedrohung darstellt. Das Stück handelt von Wut, Besessenheit, Enttäuschung und Unterdrückung, vom Missverstandensein und von der Liebe. Der Kontrabass ist sowohl ernst und melancholisch als auch verrückt und sehr komisch. In Helmut Kraussers dickem Wälzer Melodien geht es nicht um die Musik an sich, sondern um die Geschichte der Musik, oder genauer, um ein von Krausser erfundenes Spezialgebiet: Die Tropoi. Das sind 23 kurze Melodien, im 16. Jahrhundert von dem Magier und Alchemisten Castilio ersonnen. Diese Tropoi besitzen die geheimnisvolle Macht, Menschen im Guten wie im Bösen gegen ihren Willen zu manipulieren. Kein Wunder, das jeder, der im Laufe der Geschichte Kenntnis von der Existenz der Tropoi bekam, sie in seinen Besitz zu bringen versuchte. Wir begleiten die wundersamen Gesänge auf ihrer Reise durch die Kulturgeschichte Europas, von der Renaissance bis heute und begegnen dabei dem Madrigalkomponisten Carlo Gesualdo, dem frauenhassenden Kastraten Pasqualini, Palestrina, Monteverdi und Allegri und in der Gegenwart den von Liebeskummer geplagten Fotografen Alban Täubner. Nach ihrem äußerst unterhaltsamen Bestseller Opernroman, begibt sich Petra Morsbach mit Der Cembalospieler erneut in die Welt der Musik. Behutsam und mit viel musikalischem Fachwissen erzählt die Autorin vom Schicksal des sehbehinderten, homosexuellen Cembalisten Moritz Bauer, der, aufgewachsen in einer miefigen, kleinbürgerlichen Familie, sich mit Hilfe der Musik (vor allem der Johann Sebastian Bachs) eine neue, zauberhafte Welt erschließt, die ihm Glück und Erfüllung beschert, ihn aber dennoch nicht vor den profanen Dingen des Lebens bewahrt: Die Einsamkeit des allmählich Erblindenden in der Welt des Lichts, Geldsorgen, Terminstress, Enttäuschungen in der Liebe, Neid und Missachtung und nicht zuletzt die Launen des Mäzenatentums. Ja, dies ist ein Roman über Musik, aber kein Künstlerroman im eigentlichen Sinne, eher ein Bildungs- und Entwicklungsroman: Das letzte Land der Berliner Autorin Svenja Leiber. Der Klappentext der Hörbuchfassung fasst den Inhalt treffend zusammen: „Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen Norden. Ruven Preuk, jüngster Sohn des Stellmachers, verfügt schon als Kind über eine außerordentliche musikalische Begabung: Er sieht Töne, und auf seiner Geige spielt er Melodien, die keiner kennt. Im Dorf gilt er deshalb als Außenseiter. Nur der Pfarrer hält seine schützende Hand über den Jungen und vermittelt ihm Geigenunterricht beim Juden Goldbaum. Noch glaubt Ruven an die Kraft der Liebe - zur Musik und zu Goldbaums Enkelin Rahel. Doch als der Zweite Weltkrieg das ganze Land in den Abgrund reißt, sinkt auch Ruvens Stern am Himmel. Die Musik bleibt Zuflucht - und Fluch zugleich.“ Am Ende will der Roman vielleicht ein bisschen zu viel bewirken. Die Geschichte Maries, Ruvens Tochter, und Ruvens unterkühlte Beziehung zu ihr wären schon Stoff genug für zwei weitere Romane. Trotzdem: Eine traurig-schöne Entwicklungsgeschichte in poetisch schlichter Sprache, grandios.    Ähnlich wie in  Nick Hornbys Kultroman High Fidelity steht auch in Rachel Joyce’s Buch Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie ein Plattenladen im Mittelpunkt des Geschehens. Sein Inhaber Frank hat nämlich die bemerkenswerte Fähigkeit, seine Kunden mit Musik therapieren zu können. Eine gute Idee für einen Roman, möchte man meinen, versetzt sie doch die Autorin in die Lage tiefgreifend über Musik philosophieren zu können. Tut sie aber nicht. In diesem Punkt bleibt das Buch leider sehr oberflächlich. So ist Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie das, was Nick Hornbys Roman eben auch ist: ein Liebesroman. Hanns-Josef Ortheil kennt man als Verfasser eines großen Romanwerks. In seiner Kindheit und frühen Jugend strebte er jedoch eine Karriere als Konzertpianist an. Wie es dazu kam und warum er das Klavierspiel schließlich doch aufgab, das erfahren wir in seinem fesselnden Roman Wie ich Klavierspielen lernte.    Natsu Miyashita: Der Klang der Wälder. Als der junge Tomura einem Klavierstimmer bei der Arbeit lauscht, fühlt er sich durch den Klang in die hohen, rauschenden Wälder seiner Kindheit zurückversetzt. Er zieht in die Stadt und erlernt selbst das Handwerk des Klavierstimmens. „Ich begriff, dass ich ein verirrtes Kind auf der Suche nach dem Göttlichen war.“ Etwas kitschig anmutender Roman über einen bodenständigen, selbstlosen und sanftmütigen Jungen aus den Bergen Hokkaidos und dessen Liebe zur Musik.  

 

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Familien- und Generationenromane

Das Interesse der Leserschaft an Familiengeschichten ist so alt wie die Literatur selbst. Erinnern wir uns an einen gewissen Adam, der nach dem Genuss eines Stückes Obst von seinem obersten Chef mitsamt seiner Gattin Eva ins Exil gezwungen wurde. Schluss mit lustig! Die gegenseitige Antipathie der kurz darauf geborenen Söhne stürzte die Familie endgültig ins Verderben. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar. Dass sich ein dramatisches Unglück in der literarischen Verarbeitung als weitaus ergiebiger erweist als ein langweiliges Glück, hat seinen Niederschlag in zahlreichen Werken der Weltliteratur gefunden. Schon der alte Tolstoi erkannte, dass alle glücklichen Familien einander gleichen, jede unglückliche Familie aber auf ihre eigene Art unglücklich ist. Zwei Großschriftsteller, die gerade ihrer Familienromane wegen mit höchsten literarischen Ehren bedacht wurden, beschreiben beide auf eindrucksvolle Weise Unglück und Verfall: Thomas Mann erhielt 1929 den Nobelpreis für die Buddenbrooks, worin es bekanntlich um den Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie geht und nur drei Jahre später wurde auch John Galsworthy mit dem Preis bedacht. In seiner dickleibigen und handlungsarmen Romantrilogie Die Forsyte-Saga beschreibt er den Verfall des viktorianischen Großbürgertums am Beispiel der Familie Forsyte. Übrigens, Thomas Mann hat sich später mit Joseph und seine Brüder tatsächlich einem biblischen Thema angenommen. Das tat auch der Amerikaner John Steinbeck mit seinem monumentalen Epos Jenseits von Eden. Erzählt wird die Geschichte zweier Familien im Salinas Valley in Kalifornien - Steinbecks eigner Heimat - über drei Generationen hinweg. Sie beginnt etwa um 1860 und endet mit dem Ersten Weltkrieg. In der Familie der Hamiltons läuft alles glatt. Alle Familienmitglieder leben in friedlicher Eintracht miteinander. Die Familie der Trasks hingegen wird arg gebeutelt durch zahlreiche Konflikte quer durch alle Generationen: Vater gegen Sohn, Sohn gegen Mutter, Bruder gegen Bruder. Hier schimmert das Kain-und-Abel-Thema der Bibel durch. Übrigens stellte auch der Eingangs erwähnte Lew Tolstoi in seinem weltberühmten Roman Anna Karenina mit den Oblonskijs, Karenins und Lewins nicht nur drei sehr unterschiedliche Familien, sondern zugleich zwei konkurrierende Lebensphilosophien einander gegenüber. In Konkurrenz zueinander stehen auch die beiden Familien Bartoli und Bertorelli in dem wunderbar poetischen Roman Der Vollkommene Schmerz des Italieners Ugo Riccarelli. Über vier Generationen hinweg begleiten wir das Schicksal des Maestros, dem Dorflehrer und Anarchisten, seiner Frau, der Witwe Bartoli, Odysseus Bertorelli, dem Schweinezüchter, Ideale, der an einem Perpetuum mobile baut und all ihren Kindern und Enkelkindern bis am Ende eine Heirat das Schicksal beider Familien miteinander verknüpft. Die Zeitspanne im Roman World’s End des amerikanischen Erfolgsautors T. C. Boyle umfasst gleich drei Jahrhunderte. Und auch er stellt zwei Familien einander gegenüber. Beide sind sie aus den Niederlanden eingewandert. Doch während die Van Warts über Grundbesitz verfügen, sind die Van Brunts verarmt und müssen sich bei den Van Warts als billige Arbeitskräfte verdingen. Boyle verfolgt deren Schicksal und spiegelt es in der amerikanischen Gegenwart wieder, nicht ohne eine andere Bevölkerungsgruppe Nordamerikas zu vergessen: die Indianer. - Nach Wassermusik Boyles bestes Buch. In Südamerika, genauer im abgeschiedenen Hinterland Brasiliens, spielt der Roman Sag mir seinen Namen und ich töte ihn der zu Unrecht vergessenen brasilianischen Schriftstellerin Maria Alice Barroso. Eingebettet in eine kurze Rahmenhandlung entfaltet die Autorin ihre weitgespannte Geschichte um Liebe und Tod, Hass und Leidenschaft der Familie de Moura Alves, vor dem Hintergrund der feudalistischen und patriarchalischen Gesellschaftsordnung des brasilianischen Hinterlandes. Die Chronologie der Erzählung wird ständig unterbrochen durch Erinnerungen und Rückblenden. Maria Alice Barroso gibt dabei jedem ihrer Zeitzeugen eine eigene Stimme. Somit wechselt die Erzählperspektive von Kapitel zu Kapitel. Sehr zu Unrecht steht dieser kunstvolle Roman seit seinem Erscheinen im Schatten des wesentlich erfolgreicheren, ebenfalls im Jahre 1967 erschienen Romans Hundert Jahre Einsamkeit des Kolumbianers Gabriel García Márquez, der mit seiner großartigen Erzählung vom Aufstieg und Fall des Urwalddorfes Macondo und seiner Gründerfamilie Buendía neue Maßstäbe setzte und seither zu den Begründern des lateinamerikanischen “Magischen Realismus” zählt. Im Mittelpunkt von Das Geisterhaus der chilenischen Autorin Isabell Allende steht die Familie Trueba, der feudale, konservative Großgrundbesitzer Esteban Trueba, seine spirituelle Frau Clara, deren Tochter Bianca, die sich in den Anführer der kommunistischen Partei verliebt und schließlich die Enkelin Alba, die in den Strudel des Putsches gegen den Präsidenten Salvador Allende gerät. Vier Generationen Leben und Tod, Glück und Elend der Familie Trueba vor dem Hintergrund der chilenischen Geschichte - ganz große Literatur. Auch die mitreißende Familienchronik Villa Europa des norwegischen Autors und Jazzpianisten Ketil Bjørnstad umfasst vier Generationen. Nachdem Erik Ulven sein vornehmes Haus hoch über dem Oslofjord eines Tages überraschend und ohne Abschied verlassen hat, um in Europa sein Glück zu machen, beginnt seine Frau Nina nach und nach die zahlreichen Räume des Hauses in jenem Stil der Länder einzurichten, die ihr Mann zur selben Zeit bereist. In den folgenden Jahrzehnten wird das Haus zum Mittelpunkt einer bewegenden Familiengeschichte, in der sich zugleich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. In Hannas Töchter der Schwedin Marianne Fredriksson spiegelt sich weniger die Zeitgeschichte wider, dafür aber um so mehr das Rollenverständnis der Frau und dessen geschichtliche Entwicklung im Verlauf von hundert Jahren. Drei Generationen, drei Frauenschicksale: für Hanna bedeutet das Leben Arbeit, Pflichterfüllung, stilles Leid, für deren Tochter Johanna Stadtleben, politisches Engagement, berufliche Unabhängigkeit und für die Enkelin Anna schließlich die Möglichkeit zu studieren, Kinder zu bekommen ohne heiraten zu müssen und die Chance auf eine individuelle Lebensgestaltung. Auch Erwin Strittmatter stellt die autobiographisch geprägte Erzählung seines dreibändigen Romanzyklus Der Laden vor den Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen jener Zeit dar. Strittmatter erzählt die Geschichte der Familie Matt und ihres kleinen Lebensmittelladens in dem (fiktiven) Dorf Bossdom in der Niederlausitz von den ersten Tagen der Weimarer Republik bis hinein in die 50er Jahre der jungen DDR. Esau Matt, der Ich-Erzähler, ist sieben Jahre alt, als seine Eltern die Bäckerei in Bossdom übernehmen. Erweitert um ein Sortiment an Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs, wird der Laden recht schnell zum Mittelpunkt der Familie und zum Mittelpunkt des kleinen Dorfes. Im zweiten Teil des Romans sehen wir Esau Matt die höhere Schule in Grodk besuchen und durchleben mit ihm die Höhen und Tiefen seiner ersten Liebe. Im dritten Band verlagert sich der Schwerpunkt des Geschehens wieder nach Bossdom zurück. Wir befinden uns in den Anfangsjahren der DDR. Aus dem Laden ist inzwischen ein “Konsum” geworden und aus Esau SED-Parteimitglied. Mit seinem grandiosen Gesellschaftspanorama aus der Provinz hat Erwin Strittmatter so etwas wie ein literarisches Heimatmuseum geschaffen, eines, das nicht nur ausstellen, sondern vor allem bewahren will. Erinnerungen bewahren, Berichte von Zeitzeugen vor dem Vergessen retten, das sind Dinge, die auch den Autor Walter Kempowski bewegten. - Kempowski, wir haben ihn in den letzten Jahren immer wieder als äußerst unterhaltsamen Romanautor erlebt. Seinen Platz unter den bedeutendsten Gegenwartsautoren deutscher Sprache ist dem unermüdlichen Chronisten und Tagebuch-Sammler jedoch aus anderen Gründen gewiss, zum einen wegen des Projekts Echolot, das 2006 seinen Abschluss fand und zum anderen wegen der neunbändigen Deutschen Chronologie, die in eindrucksvoller und unterhaltsamer Weise ein historisches Panorama der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liefert. Die Romane Tadellöser und Wolff und Uns geht’s ja noch gold verstehen sich als autobiographische Familiengeschichten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges und der Zeit des Wiederaufbaus, erzählt in einer äußerst lebendigen Sprache. (Warum hat Walter Kempowski nie den Georg-Büchner-Preis bekommen?) Mit einer Familienchronik im eigentlichen Sinne haben wir es hier nicht zu tun. Der Roman Familienleben von Viola Roggenkamp ist eher so etwas wie ein Porträt deutsch-jüdischer Befindlichkeit in der Bundesrepublik des Jahres 1967. Für die jüdisch geprägte Familie Schiefer in ihrer verfallenen Villa in Hamburg Harvestehude ist der Krieg noch nicht allzu lang her. Die Nachwirkungen des Holocaust sind immer noch spürbar, ebenso die Gesinnung der ehemaligen Braunhemden und Denunzianten aus der Nachbarschaft. Die Eltern haben gelitten im Krieg, im Konzentrationslager, auch die Großmutter. Sie trifft sich nun mit Freundinnen zum “Theresienstädter Kränzchen”. Erzählt wird aus der Perspektive der 13-jährigen Fania, die, der erdrückenden Liebe ihrer Eltern überdrüssig, ihre eigene Identität zu suchen beginnt - ein Entwicklungsroman also auch. Im Mittelpunk des Debütromans Medea und ihre Kinder der russischen Autorin Ljudmila Ulitzkaja steht die 70-jährige Medea Mendez und ihr Haus auf der Krim. Jedes Jahr im April wird es zum Treffpunkt der weit verzweigten und weit verstreuten Familie. Von überallher reisen sie an, von Moskau und Taschkent, aus Litauen und Georgien, Nichten, Neffen, Großnichten und Großneffen, direkte und angeheiratete, mit und ohne Kinder. Und alle haben viel zu erzählen, auch Medea selbst hat viel erlebt in ihrem Leben. All das hat Ljudmila Ulitzkaja einfließen lassen in ihren 400 Seiten-Roman: viele Personen, viele Namen, viele Lebensläufe - ein Kaleidoskop an Lebensgeschichten und Erinnerungen. Doch leider ist dem Leser am Ende des Romans keine der Personen  wirklich vertraut. Deshalb seien hier eher die späteren Romane Ljudmila Ulitzkajas empfohlen, wie Sonetschka, Die Lügen der Frauen und Reise in den siebten Himmel, oder der wunderbare Entwicklungsroman Und plötzlich ist es Abend der deutschen Slawistin Petra Morsbach. Ein glückliches Leben ist keinem der Bewohner des pommerschen Ostseestädtchens Freiwalde in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts beschieden, weder Felix, dem “unbekannten“ Großonkel des Autors, noch einer der mit viel Wohlwollen porträtierten Nebenfiguren der Geschichte. Vielleicht deshalb diese zauberhafte melancholische Grundstimmung, die Jan Koneffkes Familienroman Eine nie vergessene Geschichte wie einen Schleier umhüllt und die - zusammen mit Koneffkes Talent, die Lebenslinien seiner Figuren geschickt und detailreich mit den historischen Ereignissen zu verweben - die Lektüre dieses Romans zu einem großartigen Lesevergnügen macht: Erzählkunst auf höchstem Niveau. Dagegen kommt Dorinde van Oorts Familiengeschichte Frau im Schatten eher dröge daher. Einen ‘in Prosatexte gegossenen Familienstammbaum’ könnte man den Roman nennen, denn die Autorin hat der der Geschichte ihrer Familie in der Jetztzeit nachspürenden Frau wenig Raum gegeben. Mehr Emotionen, mehr Leidenschaft hätten dem Roman gut getan. Welcher der Leser sich allerdings selber schon einmal mit Ahnenforschung in eigener Sache beschäftigt hat, wird an den vielen Originaltexten, den biografischen Details und den aufgedeckten Intrigen viel Vergnügen finden.   Italien im Frühjahr 1902: Das Ticket für die Ausreise nach New York hat er bereits in der Tasche. Doch das Schicksal hat anderes mit ihm vor. Ettore Camelli bleibt. Er übernimmt den Kolonialwarenladen in dem kleinen Dorf Versano und schreibt die Familiengeschichte der Camellis fort, jene Geschichte, die ein Jahrhundert später die Amerikanerin Heather Hughan in Venedig zu recherchieren beginnt, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln. Ein zauberhaftes Romandebüt der schweizerisch-italienischen Autorin Isabella Huser mit dem Titel Das Benefizium des Ettore Camelli. Geschrieben in einer kargen aber sehr poetischen Sprache mit kurzen  und prägnanten Sätzen, die dem Leser, um der Handlung folgen zu können, jedoch einiges an Aufmerksamkeit abfordern.   Die Sprache in Die Villa, dem ersten Roman des Kölner Verlegers Reinhold Neven Du Mont mag konventionell, ja sogar altbacken erscheinen, doch die Geschichte ist eindringlich und äußerst unterhaltsam erzählt: Die 50er Jahre, eine herrschaftliche Villa am Starnberger See. Robert, Student an der Münchener Universität, ist beauftragt worden, innerhalb dreier Monate die Bibliothek des verstorbenen Kunsthändlers Otto Lauterbach zu ordnen. Ganz nebenher taucht Robert dabei tief in die Familiengeschichte der Lauterbachs ein, erfährt von Geheimnissen, Intrigen, Streit und Missgunst, von beruflichen Misserfolgen, von unehelichen und zu früh gestorbenen Kindern, von gebetenen und ungebetenen Hausgästen und vom Bemühen der Familie irgendwie den Krieg zu überstehen, kurz: vom unruhigen Leben in unruhigen Zeiten. Dreißig Jahre später lässt Robert, inzwischen erfolgreicher Theaterkritiker, seine Erinnerungen wieder lebendig werden und beschreibt die ereignisreiche Zeit zwischen den Weltkriegen in einem Buch, auch seine eigene Jugend beschreibt er, als er die Liebe fand, in jenem Sommer in der Villa am See.   Melnitz, ein Familienroman, über vier Generationen hinweg, 800 Seiten lang, fünf Kapitel umfassen jeweils die Jahre um 1871, 1893, 1913, 1937 und 1945. Mit großem Einfühlungsvermögen und viel Sympathie für sein Personal erzählt Charles Lewinsky die Geschichte der schweizer Familie Meijer und deren Leben zwischen jüdischer Tradition und modernem Zeitgeist, zwischen Selbstbestimmung und Anpassung, zwischen dem hoffnungsvollen Leben in der Gründerzeit und dem Kampf ums Überleben in den Weltkriegen. Salomon Meijer, Viehhändler und Ahnherr, mit ihm beginnt die Chronik, Janki, mit seinem Stoffladen beginnt der Aufstieg, Mimi und Pinchas, Metzger, fliehen vor dem Schächtverbot in die Großstadt, François lässt sich taufen, Zalman ist Sozialist und Gewerkschafter, Alfred stirbt im Ersten Weltkrieg und Ruben im KZ - dazu weitere zwanzig Personen aus dem Clan der Meijers - ein wunderbarer Roman, ein großartiges Leseerlebnis.    Gleich zwei Debütromane aus dem Jahre 2011 fallen unter die Kategorie Familien- und Generationenromane: zum einen In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge, der sehr eindrucksvoll das (Über-)Leben einer Familie unter dem DDR-Regime beschreibt - eine Innenansicht der DDR so authentisch wie selten zuvor, dafür gab’s dann auch den Deutschen Buchpreis - und zum anderen der Roman Mittelreich des Theater- und Filmschauspielers Josef Bierbichler, der (s)eine Seewirtschaft am Starnberger See über drei Generationen hinweg porträtiert, und dabei die persönlichen Schicksale seiner Protagonisten geschickt mit dem Zeitgeschehen verknüpft, indem er sein eigentümliches Personal durch kleine und große Katastrophen treibt. Es ist alles drin in dem Buch: Geburt, Hochzeit, Tod, Krieg und Vertreibung, Liebe und Mißbrauch, Naturgewalt im Kleinen und im Großen und natürlich Tradition gegen Moderne - das alles mitreißend und spannend erzählt und vor allem ist es dies: sprachgewaltig.     Wäre Nino Haratischwili nicht noch so jung, man könnte ihr Opus magnum Das achte Leben (für Brilka) als Alterswerk bezeichnen. So welthaltig ist der Roman, so altersweise und klug, vor allem aber so gut erzählt. 1.280 Seiten umfasst die Geschichte der georgischen Familie Jaschi, über fünf Generationen hinweg und ein ganzes Jahrhundert lang. Grandios, ein Schmöker für lange Winterabende.   Acht Jahre hat Kurt Oesterle nach eigenen Angaben an seinem feinfühligen Roman Der Wunschbruder geschrieben: Ein Dorf in Baden-Württemberg, die 60er und frühen 70er Jahre. Max, das Einzelkind, wünscht sich nichts sehnlicher als einen Bruder. Er findet ihn in Wenzel, der aus prekären Familienverhältnissen stammt. Max’ Eltern nehmen den Jungen auf. Das Zusammenleben scheitert jedoch. Wenzel muss die Familie wieder verlassen. Jahrzehnte später treffen Max und Wenzel zufällig wieder aufeinander. Sehr ergreifende Familien- und Entwicklungsgeschichte, authentisch und einfühlsamen erzählt, mit tiefen Einblicken in Dorf- und Familienleben bis hin zur deutschen Flüchtlings- und Vertriebenengeschichte.   Der Roman Altes Land von Dörte Hansen ist eine Familiengeschichte, die im Alten Land spielt, einem Landstrich westlich von Hamburg, der auch heute noch vom Obstanbau geprägt ist, eine spannende Erzählung und zugleich eine Hommage an das zwischen Tradition und Moderne pendelnde Dorf, an die Menschen, die alten, knorrigen und die spleenigen, Zugezogenen, an das Leben mit seinen Höhen und Tiefen und nicht zuletzt eine Liebeserklärung an das Alte Land selbst. Ein berührender Roman, in knapper aber sehr eleganter Sprache, ein kleines Stück großer Literatur.   Benedict Wells begleitet in seinem Roman Vom Ende der Einsamkeit drei Geschwister auf ihrem Weg durch die ersten Jahrzehnte ihres Lebens. Nach dem frühen Unfalltod ihrer Eltern kommen Jules, Marty und Liz ins Internat. Aus drei Kindern werden drei unterschiedliche Persönlichkeiten: Marty, der Rationale, Liz, die Lebensbejahende und der Ich-Erzähler Jules, der Introvertierte. Die Lebenswege trennen sich, verlaufen in gegensätzlichen Bahnen, mal nah, mal fern von einander und bleiben doch immer in Sichtweite. Wells hat einen sehr klugen Roman geschrieben über das Leben und den Tod, über die Liebe, die oft schmerzt, über Verzicht und Verlust und die Kraft all das auszuhalten. Ein mitreißendes Buch. Elena Ferrantes vierbändige Neapolitanische Saga ist mehr als ein Familienroman. Wir haben es hier mit einem Sittengemälde zu tun, mit einem opulenten Gesellschaftspanorama, das in den Vorstädten Neapels spielt, in den frühen 1950er Jahren beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Erzählt wird die Geschichte der Pförtnerstochter Lenù Greco und ihr ambivalentes Verhältnis zu ihrer Freundin Lila Cerullo und einer Handvoll weiterer alteingesessenen Familien Neapels. Eine Menge Stoff auf 2.000 Seiten. Langweilig ist das nicht, aber ob es auch interessant ist, vermag ich bisher nicht zu sagen.    Christoph Nußbaumeder, Die Unverhofften: Familiensaga über vier Generationen hinweg, von 1900 bis hinein in die Gegenwart. Das Sozial- und Aufsteigerepos erzählt von kleinen und großen Lebenslügen und dem Streben nach Glück und Anerkennung vor dem Hintergrund turbulenter Zeiten. Großes Kino.     Wer etwas wissen will über die Gewinnung von Bernstein im ehemaligen Ostpreußen, über das Leben der Familien am Ufer der Ostsee und die längst vergessenen Verbrechen der Nazis am Ende des Weltkriegs, und wer darüberhinaus Freude hat an starken Frauenfiguren, der lese den sehr unterhaltsamen Generationenroman Kazimira von Svenja Leiber. Und wer wissen will, wie die deutschen Missionare am Anfang des vorigen Jahrhunderts nach Papua gelangten, wie sich ihr Leben dort gestaltete, mit welchen Krankheiten, Entbehrungen, Sehnsüchten und Vorurteilen sie dort zu kämpfen hatten und doch ihr bescheidenes Glück fanden, der lese den so brillant recherchierten Familienroman Dein ist das Reich von Katharina Döbler Henning Ahrens beschreibt in seinem Roman Mitgift die Geschichte einer Familie, die seit Generationen einen Hof in der niedersächsischen Provinz bewirtschaftet. Es ist die Geschichte seiner eigenen Familie: ein Panorama der ländlich-bäuerlichen Welt des 20. Jahrhunderts, sehr persönlich und tief bewegend.    Ländlich-bäuerlich ist auch das Setting in Jarka Kubskovas Familienroman Bergland. Beschrieben wird das Leben von drei Generationen Bergbauern in Südtirol zwischen Tradition und Moderne. Ein Heimatroman, sehr gefühlvoll und doch nicht kitschig.    

 

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Briefromane

Innerhalb weniger Jahre erschienen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drei Briefromane, die heute zu den Klassikern des Genres zählen: Julie oder Die Neue Héloïse von Jean-Jacques Rousseau, Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang Goethe und Gefährliche Liebschaften von Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos. Zuvor hatte bereits eine Frau auf sich aufmerksam gemacht: Sophie von La Roche mit dem zunächst von Wieland herausgegebenen Roman Geschichte des Fräuleins von Sternheim und nicht zu vergessen Samuel Richardson mit seinen empfindsamen Figuren Pamela und Clarissa. Und auch Dostojewskis Erstling ist ein Briefroman: Arme Leute.
Choderlos de Laclos nutzte die Möglichkeiten des Briefromans am konsequentesten, indem er in den 175 Briefen der Gefährlichen Liebschaften jede seiner Figuren eine eigene Stimme gab und so den Leser in den Stand versetzt, Personen und Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Ein echter “Briefwechselroman” also. Zum Inhalt nur soviel: Der Vorabend der französischen Revolution. Schauplatz: die aristokratischen Salons des Ancien Régime in Paris und auf dem Lande. Die Marquise de Merteuil ist von ihrem Liebhaber Graf de Gercourt verlassen worden und sinnt auf Rache. Sie animiert den Vicomte de Valmont die naive “Rosenknospe” Cécile de Volanges zu verführen, die von ihrer Mutter dazu bestimmt ist, die Gattin des Grafen zu werden. Der Vicomte hat aber zugleich ganz eigene Pläne. Er interessiert sich für die tugendhafte Madame de Tourvel. Es beginnt ein perfides Intrigenspiel, das am Ende alle ins Verderben stürzt. Hätte der Mandarin Kao-tai nur seinen “Zeitkompass” richtig eingestellt, so wäre er auf seiner Zeitreise ins China des 20. Jahrhunderts in seinem Heimatland geblieben, so aber strandet der arme Kerl in “Ba-yan” und seiner Hauptstadt “Min-chen”. In den 37 Briefen in die chinesische Vergangenheit lässt der Autor Herbert Rosendorfer seinen Helden über die wundersame Welt der deutschen Gegenwart berichten, über die technischen Errungenschaften wie zum Beispiel das “A-tao” und über die für ihn befremdlichen Sitten der Großstädter. Ein Buch mit sehr viel Witz vor allem, aber auch mit subtiler Gesellschaftskritik. Susanna Tamaro beschränkt sich in ihrem “Brief-Tagebuch” Geh wohin dein Herz dich trägt auf eine einzige Erzählperspektive, nämlich die der 80-jährigen Großmutter Olga. Sie schreibt an ihre Enkelin, die nach heftigen Auseinandersetzungen mit ihr nach Amerika entflohen ist. In die Schilderung ihres Alltags lässt Olga in leichtem Erzählton die Erinnerungen an ein bewegtes Leben einfließen. Da ist die gescheiterte Beziehung zu ihrer Tochter Ilaria, deren früher Tod durch Unfall, ihre in Langeweile erstarrte Ehe und das Geständnis, einen Liebhaber gehabt zu haben. Und immer wieder bekennt Olga ihre tiefe Liebe zur Enkelin. So ist der Brief nicht nur eine Lebensbeichte, sondern auch ein Testament, ein Vermächtnis, gespickt mit einer gehörigen Portion Küchenphilosophie. - Ein wunderbares Leseerlebnis, ohne den Anspruch ganz große Literatur sein zu wollen. Dass die Form des Briefromans im Internet-Zeitalter ihren Zenit wohl überschritten haben mag, ist klar. Heutzutage würde Werther die Zeugnisse seines Leidens wohl in einen Computer tippen und seinem Freund Wilhelm per E-Mail durchs Netz schicken. Dass man aber auch mit E-Mails einen interessanten “Brief”-Roman gestalten kann, dafür ist Gut gegen Nordwind des österreichischen Autors Daniel Glattauer ein treffliches Beispiel. Eigentlich wollte Emmi Rothner nur ein Zeitschriften-Abonnement kündigen. Durch einen leichtsinnigen Tippfehler landen ihre E-Mails jedoch im Postfach von Leo Leike. Der Irrtum ist schnell aufgeklärt und der kurze Briefwechsel könnte damit beendet sein. Doch eine Spur von gegenseitigem Interesse aneinander  führt zu weiteren Fragen und Antworten, die wiederum zu Fragen und Antworten führen. Schnell kommt eine erotische Komponente ins Spiel, die dem Briefwechsel eine prickelnde und zugleich gefährliche Dynamik verleiht. Und schon bald stellt sich die Frage: Sollen Emmi und Leo den virtuellen Raum verlassen und sich in der Realität treffen? Glattauer schafft es, einen Spannungsbogen zu erzeugen, der über mehr als 200 Seiten trägt und zum Schluss auch noch mit einer Pointe glänzt. Auch der Berliner Autor Ingo Schulze, den Günter Grass vor nicht all zu langer Zeit als seinen legitimen Nachfolger bezeichnete, hat einen Briefroman veröffentlicht. Neue Leben heißt Schulzes 800 Seiten starkes Opus Magnum, in dem der Protagonist Türmer Anfang 1990 Briefe an seine Schwester, den Jugendfreund und die Geliebte schreibt, in denen er aus Kindheit, Jugend und NVA-Zeit berichtet.   Und noch ein E-Mail-Roman: In Zsuzsa Bánks Buch Schlafen werden wir später korrespondieren zwei Frauen miteinander, Freundinnen seit Kindertagen. Beide haben sie die Lebensmitte überschritten. Kinderlos, getrennt und von einer Krebserkrankung genesen die eine, verheiratet, drei Kinder, Autorin mit Ambitionen die andere. Und beide verbindet die Frage: War es das, das Leben? War es gut und was kommt noch?    Aus hunderten von Briefen besteht der Roman Die Liebenden von Gerhard Henschel. Der Klappentext fasst den Inhalt treffend zusammen: “Jung, mittellos und voller Pläne für ihre Zukunft beginnen zwei Liebende in den 1950 Jahren ihr gemeinsames Leben. ... In Briefen, die von Glück und Unglück erzählen, entfaltet sich die Lebensgeschichte zweier Menschen vor dem Hintergrund des Wirtschaftswunders und der Aufbruchstimmung in der alten Bundesrepublik.” Das ist stellenweise sehr unterhaltsam, über eine Strecke von 750 Seiten aber auch ermüdend.   Mary Ann Shaffer und Annie Barrows: Deine Juliet. Im Frühjahr 1946 beginnt die junge Londoner Autorin Juliet Ashton einen lebhaften Briefwechsel mit den Mitgliedern eines Literaturclubs auf der Kanalinsel Guernsey. Als sie sich bald darauf entscheidet, die Insel persönlich zu besuchen, wird Ashton mit großer Herzlichkeit empfangen. Nach und nach taucht sie ein in das Leben ihrer neuen Freunde und wird gleichzeitig konfrontiert mit einem Stück Vergangenheit, das Ihr und vielen Briten bisher kaum bekannt war: das entbehrungsreiche Leben der Inselbewohner während der deutschen Besatzungszeit.  Trotz allem ein leichtes und heiteres Buch über das Leben, die Liebe und die Literatur. Der weitaus poetischere Titel des englischsprachigen Originals lautet übrigens: The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society.   Eine äußerst moderne Variante des Briefromans haben Juli Zeh und Simon Urban verfasst. In Zwischen Welten prallen alle denkbaren Gegensätze aufeinander. Die Korrespondenz zwischen Stefan, dem karrierebewussten Redakteur einer Hamburger Wochenzeitung und Theresa, die den Bauernhof ihres Vaters in Brandenburg übernommen hat, gerät zu einem hitzigen Schlagabtausch zu den Themen Klima- und Landwirtschaftspolitik, Radikalismus, Gendersprache, Rassismusvorwürfe, Shitstorms in sozialen Medien, Bürokratismus und Gleichberechtigung. Ein Gesellschaftsroman, klug, aktuell, schlagfertig, auch satirisch ... sehr unterhaltsam.  Die gleichen Themen stellt auch Virgenie Despentes  (Baise-moi, Das Leben des Vernon Subutex) in den Mittelpunkt ihres Romans Liebes Arschloch: MeToo, Feminismus, Machtmissbrauch, dazu Alkohol und Drogen, und der Verlust der jugendlichen Leichtigkeit. Das Ganze aber eine Spur agressiver, rebellischer im Ton. Und hier sind es drei Personen, die sich der ganzen Palette elektronischer Medien bedienen: die Schauspielerin Rebecca, der Schriftsteller Oscar und Zoé, Radikalfeministin und Social-Media-Aktivistin. Man schwankt zwischen Begeisterung und Langeweile.   In Das süße Antlitz des Todes lassen Andrea Camilleri und Carlo Lucarelli ihre beiden Protagonisten Salvo Montalbano und Grazia Negro gemeinsam einen Kriminalfall lösen. Mäßig unterhaltsam. Ein Spaß, den sich die beiden Autoren hier erlauben. Den Verlag mag es freuen, den Lesern weniger.

 

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Die Liebe in der Literatur

Die Liebe ist ein weites Feld, besonders in der Literatur. Eigentlich geht es immer nur um sie, um die Liebe, den Tod und um die Macht, meistens um alles gleichzeitig. Dabei ist der Grat zwischen Kitsch und Kunst nirgendwo so schmal wie beim Genre Liebesroman. Hier kann ein Autor stilsicher Könnerschaft beweisen aber auch unrettbar in die Trivialität, sogar in die Lächerlichkeit abgleiten. Ein Autor, der diese Klippe mit großer Professionalität umschifft, ist der Stuttgarter Hanns-Josef Ortheil. In seinem Roman Die große Liebe lässt er einen deutschen Fernsehredakteur zur Recherche für einen Film über das Meer an die italienische Adriaküste reisen und sich heftig in die dort lebende Meeresbiologin Dottoressa Franca verlieben. Ortheil erzählt in sanftem Ton von einer sich langsam entwickelnden Liebe, die frei ist von jugendlichem Ungestüm, nicht hitzig und kopflos, sondern sinnlich und erfahren, aber nicht minder leidenschaftlich und nicht minder romantisch. Und wir Leser sind geneigt an ein Happy End zu glauben, als Franca am Ende des Romans ihrer großen Liebe nach Deutschland folgt. Ein glückliches Ende verspricht auch der Roman Die Liebe in den Zeiten der Cholera des Kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Der Liebhaber Florentino Ariza muss allerdings auf das gemeinsame Glück mit seiner Angebeteten lange warten. Erst als Fermina Dazas Ehemann, dem Ariza seinerzeit im Werben um die schöne Fermina unterlag, gestorben ist, kann er seinen Heiratsantrag wiederholen. Nach anfänglichem Zögern willigt Fermina ein. Auf einem Flussdampfer, in abgeschiedener Zweisamkeit, kann sich das Paar nun endlich seiner “jungen Liebe” hingeben. Fünfzig Jahre, neun Monate und vier Tage hat Ariza auf dieses Glück gewartet. Die berühmtesten Liebesgeschichten der Weltliteratur enden jedoch tragisch - mit dem Tod als klassischem Widerpart der Liebe - Eros und Thanatos eng umschlungen. Abgesehen von Goethes Die Leiden des jungen Werther sind es immer die Frauen, die verzweifelt lieben und am Ende den Tod finden. In Tolstois vielschichtigem Epos Anna Karenina ist es die in einer erstarrten Ehe gefangene Anna, die - von ihrem Liebhaber Graf Wronskij verlassen und gesellschaftlich geächtet - ihrem Leben ein Ende setzt, indem sie sich vor einen Zug wirft, und in Flauberts Madame Bovary vergiftet sich die von ihren Liebhabern verlassene Landarztgattin Emma Bovary mit Arsen, nachdem es ihr nicht gelungen ist, sich aus der provinziellen Enge ihrer Ehe zu befreien. Gescheitert sind sie alle aus den gleichen Gründen: an der geistigen Beschränktheit ihrer Ehemänner ebenso wie an der Maßlosigkeit ihrer Wünsche, vor allem aber an den starren gesellschaftlichen Konventionen. Gemeinsam mit Fontanes ebenso verzweifelter und tragisch gescheiterten Effi Briest gehören Anna Karenina und Emma Bovary zu den berühmtesten Ehebrecherinnen der Weltliteratur. Auch in Thomas Hardys spätviktorianischem Roman Tess von d’Urbervilles steht am Ende der Tod. Tess ist die Tochter eines armen Häuslers, die sich von der Heirat mit dem neureichen Galan Alec Stoke einen gesellschaftlichen Aufstieg erhofft. Doch Alec ist ein skrupelloser Draufgänger, eitel und egoistisch. Er nutzt Tess’ Lage schamlos aus und vergewaltigt sie. Auch ihre Liebe zu dem gut aussehenden und prinzipientreuen  Pfarrersohn Angel Clare findet ein jähes Ende, als Tess ihm die Vergewaltigung durch Alec gesteht. In der Folgezeit wird das Schicksal der unbescholtenen Tess zum Spielball zwischen Alec und Angel und ihren überholten, viktorianischen Vorstellungen von Ehre und Verantwortung. Als Tess schließlich in einer Art Selbstbefreiung zum Messer greift und Alec ersticht, ist ihr Schicksal besiegelt. Hardys eindrucksvoller Roman handelt von der Liebe und ist zugleich ein Gesellschaftsroman, der deutlich Kritik übt an den sozialen und politischen Verhältnissen im spätviktorianischen England. Der Kölner Autor Dieter Wellershoff hat mit Der Liebeswunsch einen Roman geschaffen, der sich durch hohe sprachliche Eleganz und einen souveränen Umgang mit den Stilmitteln des Trivialromans auszeichnet. Es geht um das komplizierte Dreiecksverhältnis zwischen Marlene, Paul und Leonhard. Marlene hat einst Leonhard verlassen um dessen Freund Paul zu heiraten. Seither leben die drei in einem vernunftbetonten Arrangement zusammen, das die in der Vergangenheit erfolgten Kränkungen und Demütigungen leidlich verdeckt. Das Chaos ist jedoch unvermeidlich, als Anja die Bühne betritt. Sie ist 28 Jahre alt, hübsch, ungebunden und ohne Lebensziel: die Außenseiterin, konzipiert als lebendiger Gegenpol zu den erstarrten Figuren Marlene, Paul und Leonhard. Ihr Liebeswunsch birgt die schließlich alles zerstörende Kraft ... und ihren eigenen Tod. Und noch ein Kölner Autor: Hans Werner Kettenbach. In seinem Buch Sterbetage begegnen sich ein Rentner und ein junges Mädchen. Sie führt ein unstetes Leben, sucht immer wieder Schutz bei ihm. Er, der vom Leben eigentlich nichts mehr erwartet, stellt sich der plötzlichen Verantwortung. Bald muss der Alte erkennen: Aus bloßer Zuneigung ist Liebe geworden. Anfangs wehrt er sich dagegen, weiß um ihre Unmöglichkeit und muss doch einsehen, wie hilflos er seinen Gefühlen ausgeliefert ist. Am Ende stirbt wieder jemand - raten sie mal wer. In dem äußerst spannungsreichen Roman Am Hang des Österreichers Markus Werner wird viel über die Liebe philosophiert und spekuliert. Auf der Terrasse eines Tessiner Hotels lernen sich eines Abends scheinbar zufällig zwei Männer kennen, der junge und erfolgreiche Scheidungsanwalt Clarin und der alte und vornehme Loos. Nach anfänglichem Allerweltsgeplauder finden die beiden Männer schnell ihr Thema: die Liebe und erzählen einander bis tief in die Nacht hinein die Geschichten und Liebesgeschichten ihres Lebens. Schnell wird klar: unterschiedlicher können zwei Männer nicht sein. Clarin ist der Draufgänger, der Schürzenjäger, der für den Augenblick lebt. Loos hingegen sucht die intensive, dauerhafte Beziehung. Erst gerade hat er die Liebe seines Lebens verloren. Im Laufe des Gesprächs entwickelt sich zwischen beiden eine äußerst beklemmende, gar gespenstische Atmosphäre und der aufmerksame Leser ahnt bereits: Die beiden Männer haben mehr miteinander gemein, als ihnen lieb ist. Ist Émile Zolas Roman Nana ein Liebesroman? Ich bin mir da nicht so sicher. Natürlich, die Liebe kommt vor. Es sind sogar die Männer, die in tragischer Weise lieben, weil sie Erotik mit Liebe verwechseln. Aber Nana, die Edelhure, die sich in der Pariser Halbwelt der 1880er Jahre die gesellschaftliche Leiter hochschläft, liebt nicht. Sie berechnet ihren sozialen Aufstieg, zählt ihr Geld und vergisst die Leichen auf ihrem Weg. Am Ende überspannt sie den Bogen und ... - Sie ahnen es - stirbt. Darf’s ein bisschen mehr Liebe sein?  Ein bisschen mehr Leidenschaft? Dann lesen Sie Die Kameliendame von Alexandre Dumas (Sohn). Aber Achtung. Auch hier lauert wieder der Tod. Es reicht Ihnen nicht? Sie wollen noch mehr Liebe? Bitte schön: Robert James Waller, Die Brücken am Fluss. Lesen Sie das Buch, oder besser, sehen Sie sich gleich die Verfilmung an, mit Meryl Streep und Clint Eastwood in den Hauptrollen. In diesem Falle ist nämlich ausnahmsweise der Film besser als das Buch, viel besser. Zum Inhalt: Die Italienerin Francesca hat bereits als junge Frau ihre Heimat  Neapel verlassen und den Farmer Richard Johnson aus Iowa geheiratet. Seitdem führt Francesca ein ereignisloses Leben als Hausfrau in ländlicher Abgeschiedenheit. Die Jahre gehen dahin. Kinder werden geboren und wachsen heran. Die im Jahreswechsel anfallenden Arbeiten auf der Farm werden zur Routine und Francesca genießt das stille Glück einer Ehe mit Träumen und Sehnsüchten. Sie ist Mitte Vierzig, als sich eines Tages ihr Mann und die Kinder auf eine viertägige Reise begeben und sie allein auf der Farm zurücklassen. Francesca freut sich auf ein paar Tage voll Ruhe und Entspannung. Doch dann taucht der attraktive Fotograf Robert Kincaid auf, um die berühmten Holzbrücken von Madison County zu fotografieren und bittet ausgerechnet Francesca um ihre Hilfe. - Der Beginn einer kurzen aber einfühlsamen und sentimentalen Liebesgeschichte. Halt! Stopp! Fast hätte ich ihn vergessen: Haruki Murakami, den bei uns populärsten zeitgenössischen Autor Japans, mit seiner unverwechselbar leicht dahinfließenden Sprache. Die Liebe ist in allen seinen Romane gegenwärtig. Welchen also soll man empfehlen? Sputnik Sweetheart? Oder Naokos Lächeln? Oder doch Gefährliche Geliebte, die Geschichte um Hajime und Shimamoto, die sich als Kinder kennen lernen, wieder aus den Augen verlieren, aber nicht vergessen können und schließlich doch in einer schicksalhaften Begegnung wieder zueinander finden? Mit ihrem Roman Gestern noch ist der Autorin Kathrin Groß-Striffler ein einfühlsamer Liebesroman gelungen, obwohl die Geschichte eher von der Sehnsucht nach Liebe, von Eifersucht und stillem Leid handelt. Denn leiden müssen viele in dem Buch. Allen voran Maria, die gut betuchte Arzttochter, die den Erben eines kleinen, verarmten süddeutschen Bauernhofs heiratet und sich nicht eingestehen will, mit ihrer Entscheidung für das weltabgewandte Leben zwischen Schweinen, Kühen und Hühnern die falsche Wahl getroffen zu haben; vor allen Dingen aber der kindliche Ich-Erzähler Nikolas, der jüngere Bruder des Hoferben, der ebenfalls in Maria verliebt ist und der unter seiner Verschlossenheit und stummen Tatenlosigkeit leidet, sich am Ende aber von der kleinbürgerlichen Enge des Dorfes und der Familie emanzipieren kann - eine Liebes- und Leidensgeschichte, eine Milieustudie und nicht zuletzt ein eindringlicher Entwicklungsroman.   Ein literarisches Kleinod, voller Sinnlichkeit und Poesie: das schmale Bändchen Seide des Italieners Alessandro Baricco. Im vorvorigen Jahrhundert bricht der Seidenraupenhändler Hervé Joncour in das für Ausländer verschlossene Japan auf, um für seine südfranzösische Heimatstadt  Lavilledieu neue Seidenraupen einzukaufen. Am Hofe Hara Keis trifft er eine Frau mit dem Gesicht eines sehr jungen Mädchens, “...wie eine Skulptur, wie ein stummes Abbild perfekter Weiblichkeit.” - Eine wunderschöne Liebesgeschichte, sanft und romantisch, sehr poetisch in der Sprache. Auch der Schwerenöter Dostojewski hat ein solches Kleinod verfasst. Weiße Nächte heißt die kleine Romanze. Ein Mann und eine junge Frau reden vier Nächte lang über Sehnsüchte, Träume, das Glück und die Liebe - und kommen sich näher dabei. Doch ein Liebespaar werden die beiden nicht. Während sie zu ihrem früheren Geliebten zurückfindet, bleibt er enttäuscht zurück. Der zweite Liebesroman Hanns-Josef Ortheils mit dem Titel Das Verlangen nach Liebe steht ganz in der Tradition des 2003 erschienen Bestsellers Die große Liebe und doch könnte man ihn ebenso gut der Kategorie Musik zuordnen, denn der Ich-Erzähler ist ein renommierter Konzertpianist und der Leser erfährt nebenbei eine ganze Menge über klassische Musik. Zum Inhalt: Acht Jahre lang waren sie ein Paar, der Pianist Johannes und die Kunsthistorikerin Judith. Dann kam die Trennung. Nun, 18 Jahre später, treffen sich beide wieder - ganz zufällig - und nehmen ihre Liebesbeziehung wieder auf. Schnell wird klar: Johannes’ Liebe zu Judith ist eher Sinnbild seiner grenzenlosen Verehrung von Kunst und Musik. Kein Liebesroman also? Doch, aber ebenso eine leidenschaftliche Liebeserklärung (des Autors Ortheil) an die Kunst, die Malerei im besonderen, die Literatur, die klassische Musik, auch an gutes Essen und nicht zuletzt an die Stadt Zürich. (Nur: Musste es unbedingt dieser dümmliche, an Walser erinnernde Buchtitel sein?) Auch der Titel des dritten Liebesroman Hanns-Josef Ortheils klingt kaum verlockender: Liebesnähe heißt er und handelt von einem Autor und einer Künstlerin, die sich scheinbar zufällig in einem luxuriösen Hotel in den Bergen treffen und sich einander auf äußerst behutsame Weise nähern: Sie verzichten darauf, direkt miteinander zu sprechen und verlegen sich stattdessen auf ein virtuoses Spiel von Zeichen und Andeutungen. Für mich leider das schwächste Buch der Trilogie.   Ewald Arenz, Die Liebe an miesen Tagen. Boy meets Girl. Schon tausend mal gelesen? Ja, es sei denn, man setzt das Paar, wie Arenz es tut, in ein interessantes Setting, stattet beide mit einer glaubwürdigen Vorgeschichte aus und garniert das Ganze noch mit ein paar interessanten Nebenfiguren. Solide Schreibkunst. Am Anfang Charakterstudie, im Mittelteil langweilig, zum Schluss dramatisch und auch ein bisschen kitschig. Unterhaltsames Buch!    

 

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Erotik

Zu den Klassikern der erotischen Literatur zählen natürlich die Romane Die Memoiren der Fanny Hill von John Cleland, Lady Chatterley von David Herber (H. D.) Lawrence, die anonym erschienen Romane der Josefine Mutzenbacher (wahrscheinlich ist der österreich-ungarische Schriftsteller Felix Salten der Urheber), Die hundertzwanzig Tage von Sodom von Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade, das Kamasutra  und natürlich die meisten Romane von Henry Miller wie zum Beispiel Wendekreis des Krebses, Wendekreis des Steinbocks, Sexus und Stille Tage in Clichy.
Folgende Romane zählen nicht ausdrücklich zur Kategorie Erotik, ihr Inhalt wird aber weitgehend von Sexualität und Erotik bestimmt: Hörig von Nelly Arcan, Die Fermate von Nicholson Baker, Lust von Elfriede Jelinek, Das sexuelle Leben der Catherine M. von Catherine Millet und Angst vorm Fliegen von Erica Jong.
Hier noch einige Klassiker zum Thema Lust und Liebe: Honoré de Balzac, Die tolldreisten Geschichten; Giacomo Casanova, Die Geschichte meines Lebens; Geoffrey Chausser, The Canterbury Tales; der erotische Roman aus der Zeit der chinesischen Ming-Dynastie, Jin Ping Mei; Marguerite Duras, Der Liebhaber; Gabriel García Márquez, Erinnerung an meine traurigen Huren; Guy de Maupassant, Bel Ami und Vladimir  Nabokov, Lolita.
Wer all diese Bücher nicht von vorn bis hinten durchlesen will, wem es nur auf die “bestimmten Stellen” ankommt, dem sei Das literarische Kamasutra - Die schönsten verborgenen Stellen der Weltliteratur, herausgegeben von Sabrina Melandri, empfohlen. Hier sind auch solche Bücher vertreten, die nicht ausdrücklich zur erotischen Literatur gehören. Oder würden Sie DIE BLECHTROMMEL zu den Erotik-Klassikern zählen? 

 

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Der andere Kriminalroman

Kennen Sie auch Menschen, die kategorisch behaupten, sie läsen keine Kriminalromane? Unter uns gesagt, ich gehöre auch zu denen. Ich lese auch keine Kriminalromane, jedenfalls keine „normalen“. Ich bevorzuge fesselnde Geschichten, mit interessanten Personen, verfasst in eleganter Sprache. Wenn dann auch noch ein Verbrechen geschieht in dieser Geschichte: warum nicht. Sehr gern sogar. Ein bisschen Suspense erhöht den Reiz, ist sozusagen das Salz in der Suppe. So gesehen haben Sie recht. Ich lese Krimis, dann nämlich, wenn sie über das bloße „Whodunnit“ hinaus einiges mehr zu bieten haben an „literarischem Mehrwert“. Paradebeispiel hierfür: Umberto Ecos Mittelalter-Krimi Der Name der Rose. Ein einfaches Prinzip: ein intelligenter Ermittler und sein einfältiger Adlatus (er verkörpert die Perspektive des Lesers, ähnlich wie Dr. Watson an der Seite von Sherlock Holmes) kommen bei der Ermittlung in einer Mordserie immer einen Schritt zu spät, bis sie in einem fulminanten Showdown den Mörder stellen. Zu einem außergewöhnlichen Krimi wird das Buch durch sein Setting (Kloster, Mittelalter, Religion) und Ecos überwältigende, mit überbordender Detailkenntnis ausgestatteter Sprache. - Ein phantastisches Buch. In diese Kategorie fällt auch Dan Brown’s etwas überstrapazierter Thriller Das Sakrileg, in dem der Autor die gesamte Symbolik und alle Mysterien des Mittelalters zu einem einzigen Brei zusammenrührt - ein Trivialroman, der unter dem „Wie-passt-das-alles-nur-zusammen?“-Aspekt durchaus Qualitäten hat.    Maarten t’ Harts Roman Das Wüten der ganzen Welt kommt da schon sehr viel verhaltener daher. Und doch ist diese Geschichte mit kriminalistischem Hintergrund sehr viel mehr als ein Krimi, nämlich eine phantastische Entwicklungsgeschichte.    In seinem Buch Die grauen Seelen nimmt der Autor Philipp Claudel den Mord an einem zehnjährigen Mädchen zum Anlass, den Leser behutsam in die ländliche Atmosphäre eines abgeschiedenen französischen Dorfes zu führen.    Der Mehrwert in Wolf Haas’ „Brenner-Romanen“ findet sich in der Sprache. Mit dem endlosen Monolog seines hier und da ganze Verben verschluckenden, wienerischen Erzählers hat Wolf Haas ein ganz eigenes Idiom geschaffen.    Jan Costin Wagner schwimmt mit auf der Welle der Schweden-  bzw. Skandinavien-Krimis. Bei ihm ist es weniger die Sprache, die seine Krimis so reizvoll machen, sondern vielmehr sein herrlich melancholischer Ermittler Kimmo Joentaa, der dem Leser sofort ans Herz wächst.    Ebenso Hannes Jensen, Protagonist in den Romanen von Linus Reichlin, introvertierter Einzelgänger, Expolizist und Hobby-Physiker, der unterhaltsam über Quantenphysik, die spezielle Relativitätstheorie oder das Higgs-Boson sinniert, solange seine blinde, selbstbewusste und bildhübsche Freundin ihn lässt.    Fred Vargas hat in ihren “Adamsberg-Krimis” ebenfalls einzigartige Charaktere geschaffen. Hier kommt allerdings ein zweites hinzu: Vargas Talent, eine Vielzahl von Handlungssträngen zu einem undurchdringlichen Knäuel zu verknoten und am Ende doch alles zu einem logischen Abschluss zu führen.    Der Name Patricia Highsmith darf hier natürlich nicht fehlen. Ihr gebührt die Ehre mit Thomas Ripley den Typus „Sympathischer Mörder“ in die Literatur eingeführt zu haben.    Auch Winter in Main von Gerard Donovan gehört in diese Kategorie. Nicht das wir den eigenwilligen Einsiedler Julius Winsome, der auf blutige Weise den Tod seines Hundes rächt, sympathisch fänden - aber verstehen tun wir ihn doch.    Kron hingegen verstehen wir nicht. Er hätte den sinnlosen Mord, an dem er beteiligt war, verhindern können und hat es aus Feigheit und Schwäche doch nicht getan. Martin Gülichs Septemberleuchten ist eines der Bücher, die den Leser gleichzeitig in Abscheu und Faszination zurücklassen.    Die vier Romane Reise in die Nacht, In freiem Fall, Das Gesetz der Ehre und In ihrer dunkelsten Stunde des Italieners Gianrico Carofiglio als Kriminalromane zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Eher haben wir es hier mit Entwicklungsromanen zu tun, denn Carofiglios Held, der schlaue und weltgewandte Avvocato Guido Guerrieri aus Bari - unverkennbar Carofiglios Alter Ego - muss neben seiner Arbeit als Anwalt auch noch die eine oder andere Lebenskrise meistern.    Eine Geschichte, sie könnte von Paul Auster stammen: Die Perspektive des Gärtners von Håkan Nesser. Ein Kind wird entführt. Die Eltern sind verzweifelt. Der Mann findet heraus, dass der Schlüssel zur Lösung des Falles im früheren Leben seiner Frau zu finden ist. Die hat ihm nämlich so einiges verschwiegen. Ein raffiniert konstruiertes Psychodrama, umhüllt von einem Schleier aus Trauer und Melancholie. Erst zum Schluss wird ein wirklicher Krimi daraus.    Friedrich Ani darf hier auf keinen Fall fehlen, der vielfach preisgekrönte Krimiautor aus München, der seinen sympathisch skurrilen Antihelden Tabor Süden wiederbelebt hat und ihn nun in Süden erneut mit einer “Vermissung” beauftragt. Kein Hardcore-Krimi, eigentlich gar kein Krimi, viel mehr eine Geschichte, die den Leser fesselt durch ihre dichte Atmosphäre und die emotionale Nähe zu den handelnden Personen, besonders zu Tabor Süden - grandios, sogar besser als German Angst. Der Amerikaner Don Winslow schreibt neuerdings auch über “Vermissungen”. Als sein Meisterwerk gilt allerdings Tage der Toten, ein Roman über den Drogenkrieg in Mexiko, für den er viele Jahre recherchierte. Äußerst mitreißend erzählt, klug, spannend, aber auch schockierend, denn: fast alles darin ist wahr. Ein Unikat unter den Kriminalromanen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: ein Jahrhundertroman.   Der einzige Jack-Reacher-Roman, der uneingeschränkt zu empfehlen ist, heißt Underground und Lee Child ist der hochprofessionelle Autor, der seiner Story einen unglaublichen Drive verleiht.   

 

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Romane über authentische Kriminalfälle

Dass die Wirklichkeit die Fiktion an Einfallsreichtum bei weitem übertrifft, ist bekannt. Eine Tatsache, die beruhigen mag, die Liebhaber der Kriminalliteratur aber nachdenklich stimmt. Heisst das doch im Klartext: Die erfundenen Verbrechen im Kriminalroman mögen schon schlimm genug sein, die in der realen Welt sind schlimmer. Heisst aber auch: alles schon mal dagewesen in der Literatur, nichts Neues gibt es nicht. Was also ist naheliegender für den Krimiautor, als sich gleich bei der Wirklichkeit zu bedienen, reale Kriminalfälle herzunehmen und sie zu Literatur zu machen, mehr oder weniger großzügig in der Interpretation? Truman Capote beispielsweise mit seinem genreschaffenden Roman Kaltblütig (im Mittelpunkt steht der Vierfachmord an einer Farmersfamilie in Kansas im Jahr 1959) war als Autor selbst Teil der Handlung seines Tatsachenromans und blieb knallhart bei den Fakten. Andere erlaubten sich größtmögliche Freiheiten, verschleierten Orts- und Personennamen und schufen gleichwohl hochwertige Spannungsliteratur. Siehe: Thomas Hettche, Der Fall Arbogast (Der Geschäftsreisende Hans Hetzel wird im Jahr 1953 zu Unrecht beschuldigt eine Anhalterin getötet zu haben), Susanne Ayoub, Engelsgift (Die Geschichte um den Sensationsprozess im Wien des Jahres 1938: Die bildschöne Martha Marek soll ihren Ehemann, die neugeborene Tochter, ihre Tante und eine Untermieterin vergiftet haben), Andrea Maria Schenkel, Tannöd (bis heute unaufgeklärter Mehrfachmord auf dem Einödhof des oberbayerischen Ortes Hinterkaifeck im Jahr 1922), Andrea Maria Schenkel, Kalteis (Die Geschichte um den 1939 in München verurteilten Johann Eichhorn, der fünf Morde an Frauen und zahlreiche Vergewaltigungen gestand), Detlef Opitz, Der Büchermörder und Klaas Huizing, Der Buchtrinker - zwei Romane und neun Teppiche (beide Autoren beschäftigen sich mit dem Fall des Theologen und Bibliomanen Johann Georg Tinius, dem die Justiz 1823 in  Poserna zwei brutale Morde zur Last legte.), Erich Kuby, Rosemarie - Des deutschen Wunders liebstes Kind (Die Hintergründe der Ermordung des Frankfurter Callgirls Rosemarie Nitribitt 1957, der erste große Gesellschaftsskandal der Bundesrepublik), Don DeLillo, Libra - Sieben Sekunden (Die Ermordung John F. Kennedys, immer noch das große ungelöste Rätsel der USA), David Peace, Tokio, besetzte Stadt (Tokio im Jahr 1948. Um eine Bank ausrauben zu können, vergiftet der Täter die 16 Angestellten, zwölf davon sterben sofort), Bernd Schröder, Hau (Dem jungen Carl Hau wird 1906 in einem Prozess in Karlsruhe vorgeworfen, aus Geldgier seine Schwiegermutter ermordet zu haben), im weitesten Sinne befassen sich auch folgende zwei Romane mit dem Fall Hau: Georg M. Oswald, Lichtenbergs Fall und Jakob Wassermann, Der Fall Maurizius.   Gunnar Gunnarsson, Schwarze Vögel (Im Jahr 1802 war in Island ein ehebrecherisches Paar in einem aufsehenerregenden Prozess zum Tode verurteilt worden, weil man zu wissen glaubte, dass sie gemeinschaftlich die jeweiligen Ehegatten aus dem Weg geräumt hätten.)  

 

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Männerbücher

Hier sind nicht Bücher für Männer gemeint - im Sinne von Playboy, Hustler, Penthouse und Co. - sondern Bücher mit Männern, echten Männern, diesen kantigen Kerlen, denen wir in Hollywoodfilmen so gern begegnen. Diese eindimensionalen „Haudrauf“- Typen wie Schwarzenegger und Stallone sollen uns hier aber nicht interessieren. Hier geht’s vielmehr um die einsamen, hypersensiblen Kämpfer - DeNiro spielt so was gut. In der Literatur heißen solche Typen Urs Blank, Thomas Ripley und Julius Winsome - schweigsame Einzelgänger, moderne Steppenwölfe, zumeist egoistisch und rücksichtslos, die ihre Umwelt aber stets mit äußerst wachen Sinnen realisieren. Und immer sind sie auf der Flucht (oft auch vor sich selbst), müssen ihre Familien oder sich selbst rächen, mindestens aber ihrer inneren Stimme folgen, bedingungslos und sofort. Warum lieben wir Männer (Frauen meistens weniger) solche mundfaulen Psychopathen? Weil wir doch manchmal gern so wären wie sie? Weil wir immer noch die Gene unserer steinzeitlichen Vorfahren in uns tragen, die mit der Keule in der Hand das Mammut jagten oder den Nebenbuhler oder beides gleichzeitig? Vielleicht ist das so. Dann sind die nachfolgenden Empfehlungen wohl doch Bücher für Männer, zumindest für solche, die hin und wieder davon träumen, einer zu sein.
Martin Suter, Die dunkel Seite des Mondes; Gerard Donovan, Winter in Main; Die Ripley-Romane von Patricia Highsmith; Jörg Fauser, Der Schneemann; Bodo Kirchhoff, Zwiefalten; Christian Kracht, Faserland; Christian Mähr, Semmlers Deal; Bernd Sülzer, Fette Jahre; Leon deWinter, Super Tex; Borger & Straub, Im Gehege; Thomas Glavinic, Das Leben der Wünsche; Christoph Hein, Willenbrock; Linus Reichlin, Das Leuchten in der Ferne; Gerwin van der Werf, Der Anhalter

 

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Die letzten Wochen der Kindheit (...und der ganze Rest)

Kindheit, Jugend, Pubertät, erste Liebe, Schule, Studium, Berufswahl, ... haben Sie auch schon mal daran gedacht, Ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen aufzuschreiben? ... Nein? Nichts erlebt, zu langweilig? Verstehe, Ihrer Kindheit fehlt es an Exklusivität, an Einzigartigkeit. Nicht so die Autorinnen und Autoren folgender Romane. Sie beschreiben Kindheit und Jugend ihrer Helden vor außergewöhnlichen Hintergründen, traurigen Elternhäusern (Trunksucht der Mutter, der Vater ein Nazi), außergewöhnlichen Orten (Kindheit in der DDR, einem Waisenhaus, einem abgelegenen Dorf in den Bergen), und ereignisreichen Zeiten (Krieg, Vertreibung, Flucht, Kindheit im Lager). Und in jedem Falle ist große Literatur daraus geworden:
 Christoph Hein: Von allem Anfang an; Ralf Rothmann: Junges Licht; Paul Ingenday: Warum Du mich verlassen hast; Thomas Hürlimann: Fräulein Stark; Thommie Bayer: Das Herz ist eine miese Gegend; Karen Duve: Dies ist kein Liebeslied; Kathrin Groß-Striffler: Gestern noch; Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman; Martin Gülich: Vorsaison; Frank Goosen: Liegen lernen; Bernward Vesper: Die Reise (und zwar der Teil der Reise, der sich mit der Kindheit des Autors befasst); Uwe Timm: Heisser Sommer; Agota Kristof: Das große Heft; Aline Sax: Eine Welt dazwischen; Mario Vargas Llosa: Lob der Stiefmutter; Erwin Strittmatter: Der Laden (im wesentlichen der erste Band); Ketil Björnstad: Vindings Spiel; Sven Regener: Neue Vahr Süd; Clemens Meyer: Als wir träumten; Gert Hofmann: Glück; Maarten t’Hart: die beiden Romane Die Jakobsleiter und Ein Schwarm Regenbrachvögel; Haruki Murakami: Kafka am Strand; Daniela Krien, Irgendwann werden wir uns alles erzählen; Klaus Modick: Klack; Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (der zweite Band der “Alle Toten fliegen hoch”-Tetralogie). Die drei anderen Bände reichen über das Thema Kindheit hinaus, seien hier aber ebenso empfohlen. Alain Claude Sulzer: Die Jugend ist ein fremdes Land; Wolf Haas: Junger Mann; Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter; Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war; Almudena Grandes: Der Feind meines Vaters; János Székely: Verlockung; Paul Maar: Wie alles kam - Roman meiner Kindheit; Benedict Wells: Hard Land; Alexander Gorkow: Die Kinder hören Pink Floyd; Ewald Arens: Der große Sommer; Edgar Selge: Hast Du uns endlich gefunden; Julia Franck: Welten auseinander  ...und im weitesten Sinne auch: Ruth Klüger: Weiterleben; Hermann Hesse: Unterm Rad; Günter Grass: Katz und Maus; Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß; Paul Auster: 4321    

 

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Eltern/Kind-Literatur

Eltern/Kind-Literatur? Was ist das? Ich gebe zu, der Begriff klingt mehrdeutig. Gemeint ist zweierlei. Zum einen die herkömmlichen Vorlesebücher, insbesondere die Romane, die wir Erwachsene in unserer Kinder- oder Jugendzeit selbst gelesen haben und die wir heute gern unseren eigenen Kindern als kleine Einführung in die Literatur nahe bringen. Allen voran natürlich die Klassiker, Kultbücher schon lange und viel mehr als Jugendliteratur im eigentlichen Sinne: MOBY DICK zum Beispiel, oder ROBINSON CRUSOE, DIE SCHATZINSEL, OLIVER TWIST, der eine oder andere Roman von JULES VERNE oder von ERICH KÄSTNER, EMIL UND DIE DETEKTIVE zum Beispiel, oder SO ZÄRTLICH WAR SULEYKEN von SIEGRIED LENZ..
Zum anderen sollen aber hier Bücher im Vordergrund stehen, die nicht zum Bereich der Vorleseliteratur zählen. Eher ist hier von Sachbüchern die Rede, von Sachgeschichten, von Briefen und fürsorglichen Ansprachen, die schreibende Väter an ihre Söhne und Töchter richten, um diese behutsam einzuführen in die Literatur, die Philosophie, oder die Physik. Herausgekommen sind dabei kleine Liebeserklärungen dieser Autoren an den Stoff ihres jeweiligen Fachgebietes und natürlich sollen auch wir Erwachsene uns dabei angesprochen fühlen. Das populärste unter diesen Büchern ist sicherlich Jostein Gaarders Sofies Welt, ein 600-Seiten-Schmöcker, in dessen Geschichte sich ein kleines Mädchen in die Welt der Philosophie hineinbegibt, indem es sich in einer Art literarischer Schnitzeljagd mit den verschieden philosophischen Denkschulen von der Antike bis heute bekannt macht.
Ganz ähnlich das Buch Sternenklar, des Autors Ulrich Woelk. Der promovierte Physiker und Astronom erklärt hier seiner Tochter in einfachen Worten alles Wissenswerte über unser Planetensystem, die Sterne, den Weltraum, die Zeit und die Lichtgeschwindigkeit bis hin zu so schwierigen Themen wie Einsteins Relativitätstheorie, schwarzen Löchern und der Krümmung des Raumes. Eine ganz außergewöhnliche Liebeserklärung an die Literatur hat der italienische Autor Roberto Cotroneo geschrieben. Wenn ein Kind an einem Sommermorgen: Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern heißt der schmale Band. Darin erklärt er seinem knapp dreijährigen Sohn Francesco, was man durch die Literatur über das Leben - und vor allem - für das Leben lernen kann. Drei Romane und zwei Gedichte dienen Cotroneo hierbei als Beispiel: STEVENSONS SCHATZINSEL (die dünne Linie zwischen Gut und Böse), SALINGERs DER FÄNGER IM ROGGEN (Regelverletzung und Zärtlichkeit), die Gedichte THE LOVE SONG OF JOHN ALFRED PRUFROCK und THE WASTE LAND von T.S. ELIOT (die Unterscheidung von wichtigem und unwichtigem, von kleinem und großem) und THOMAS BERNHARD, DER UNTERGEHER (Talent, Begabung und Genie). Noch einmal zurück zur Philosophie. Neben Autoren wie Manfred Geier, Antje Damm, Gabriele Münnix und Oscar Brenifier hat auch der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht ein “Kinderbuch” geschrieben. Es heißt Warum gibt es alles und nicht nichts. In Gesprächen mit seinem achtjährigen Sohn Oskar widmet er sich darin den grundlegenden philosophischen Fragen: Wer bin ich, gibt es Moral, was ist Schönheit, was ist Freiheit...    Zum Schluss noch dieses: Wenn Sie zufälligerweise in Köln wohnen und Kinder haben, dann schenken Sie ihnen doch das illustrierte Buch Geh mit durch Köln von Hans und Hildegard Limmer, ein vergnüglicher und vor allem kindgerechter Spaziergang durch die Geschichte der Stadt Köln. 

 

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Bibliothek der ungelesenen Bücher

Hand aufs Herz, wie oft haben Sie DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN schon angefangen? Einmal, zweimal, fünfmal? Anscheinend steht der dicke Wälzer von Robert Musil auf der Liste derjenigen Bücher, die sich ihren Lesern immer wieder hartnäckig entziehen, unangefochten auf Platz eins. Dicht gefolgt von Prousts AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT („viel zu lang, passiert nichts“), James Joyces‘ Ulysses („unverständliches Geschreibsel“) und der Bibel (...wer hat die Bibel schon komplett gelesen?). Heiße Kandidaten für die nachfolgenden Plätze wären bestimmt auch Laurence Sternes TRISTRAM SHANDY, die Werke von Karl Marx, vielleicht auch das eine oder andere von Dostojewski und Tolstoi (KRIEG UND FRIEDEN zum Beispiel, auch viel zu lang). Mein persönlicher Favorit wäre JOSEPH UND SEINE BRÜDER von Thomas Mann. Dieses Buch hat sich bisher allen meinen Versuchen, es zu lesen, konsequent verweigert und findet anscheinend völlig ohne mein Zutun den Weg zurück in die hinterste Ecke meines Bücherregals.

 

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